Literarische Strategie

Vor einiger Zeit gab der Fpö-Politiker Heinz-Christian Strache in einem Standard-Gespräch Auskunft über seine literarischen Vorlieben. Vom Journalisten gefragt, was sein Lieblingsbuch sei, antwortet Strache mit Houellebecqs Roman „Unterwerfung“. Dieser handelt bekanntlich von der politischen Fantasie einer in Frankreich an die Macht gekommenen gemäßigten islamistischen Partei, deren Ideale und Vorstellungen sich die französische, und damit – in nuce – die westliche Gesellschaft unterwerfen müsse.

Dazu fallen dem aufmerksamen Leser drei Beobachtungen ein.

Erstens hat Strache wohlweislich nicht die Antwort auf die gleiche Frage wiederholt, die ihm vor einigen Jahren Hohn und Spott eingebracht hat: Damals war sein Lieblingsbuch Paulo Coelhos „Alchimist“.

Zweitens steckt in der heurigen Antwort Strategie. Denn Strache unterstellt den Standard-Lesern, dass sie sich zumindest wenig genug mit Literatur auskennen, um den Code zu begreifen, der mit dem Stichwort und der Konnotation des Romans „Unterwerfung“, der mit seinem Erscheinen langfristige Diskussion über den Islam auslöste, einhergeht: die Eingrenzung des politischen Islam in Europa und der Flüchtlingszahl, die Sorge um das vielbeschworene und reichlich leere ‚christlich-jüdische Abendland‘. Straches Antwort auf die einigermaßen harmlos-launige Frage, was sein Lieblingsbuch sei, ist also eine politische, die sich unter ebenjenem Deckmantel des Harmlos-Launigen nur unzulänglich versteckt.

Drittens, nimmt man die Nennung seines Lieblingsbuches ernst, beweist sie, dass Strache nichts von Literatur versteht. Diese Einsicht beruft sich nicht auf Houellebecqs Roman selbst, den der Verfasser dieser Zeilen damals nicht mit Unwillen las, sondern auf das Literaturverständnis, das sich in Kombination von Person, politischer Couleur und Buch hinter dieser Nennung verbirgt. Strache hat nicht begriffen, dass Literatur die eigene Welt nicht bestätigen, sondern sie in Frage stellen, im geglücktesten Fall erschüttern soll. „Unterwerfung“, so ist anzunehmen, erschütterte Straches Weltbild gewiss nicht.

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