Bitternis

Im ewigen Kaffeehaus an einem gewöhnlichen Samstagvormittag. Der Zeitunglesende will Zeitung lesen, und sieht sich in seinem Tun kulturhistorisch gerechtfertigt durch die Annahme, das Kaffeehaus sei einst eingerichtet worden, um Zeitung zu lesen. Und ihm gleitet das Wort „kulturhistorisch“ genüsslich wie blasiert über die Lippen.

Aber was nutzt ihm dies schöne Wort. Er sieht sich umlagert von Horden selbstverwirklichter Jungfamilien, die in postmodernistischer Selbstverständlichkeit aus dem ruhigen Treiben ein Jungfamiliengelage kreischender Kindchen und frühstücksschlürfend-bebrillter Wollmützenpapas machen.

Und dem Zeitunglesenden gleitet das Wort „postmodernistisch“ schon etwas bitterer über die Lippen. Und im gleichen Atemzug verwandelt sich seine Bitternis in einen beleidigten wie vergeblichen kulturhistorischen Widerstand, der darin gipfelt, traurig aus dem Kaffeehaus zu schlürfen. 

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