Churchill und die Plebejer

Im Film „Die dunkelste Stunde“ über den Eintritt Englands in den Zweiten Weltkrieg unter Führung Winston Churchills gibt es eine Szene, die in all ihrer Befremdlichkeit einen grundsätzlichen Trugschluss im Verständnis demokratischer Politik in kinoplakativer Darstellung offenbart.

Churchill, hin- und hergerissen zwischen seinem Vernunftwillen, gegen Hitler in den Krieg zu ziehen, und den parlamentarischen Rufen, doch lieber mit ihm zu verhandeln und keine (englischen) Menschenleben aufs Spiel zu setzen, zieht es weg von seinen diplomatischen Beratern hin zum Volk. Die Frage, Was denkt eigentlich das Volk?, treibt ihn an und er fährt anstatt mit dem Chauffeur mit der Ubahn in die Westminster Abbey. Abgestiegen in die Atmosphäre des einfachen Alltagsmenschen wird er, der mächtige Politiker, angestarrt und ihm ehrfurchtsvoll der Platz überlassen.

Churchill erkundigt sich also bei den Plebejern, ob er gegen Hitler kämpfen solle. Und die Plebejer geben erregt die historisch, emotional und moralisch richtige Antwort: Führen Sie Krieg, Mister Churchill, gegen das Böse, für die Freiheit!

Nun suggeriert dies auf eindrucksvolle Weise, dass der einfache Volkswille scheinbar die richtigen Antworten hätte. Frage nur das Volk und es wird wissen, was zu tun sei. Damit stellt sich Nolans Film in die Reihe der dieser Tage in Europa und darüber hinaus grassierenden Volkswillenvollstrecker. Denn ein konstitutives Narrativ des rechten bis rechtsextremen Populismus ist der Mythos, wonach die Politik ungefiltert den Willen des Volkes auszuführen hat, und weil dieser Wille der Wille des Volkes ist, ist er im Recht. Diesem Recht ist Rechnung zu tragen ohne Wenn und Aber.

Aber was folgte diesem Diktum, zöge man Resümee mit Blick auf das heutige Europa, was folgte dem politischen Willen des Volkes, wie es der Populist im Sinne hat? Beschneidung von Minderheitenrechte, Abschaffung freier Staatsmedium, Ausländerhass allerorten, massenmediale Durchkomponierung, weltvereinfachende Echokammern, historischer Revisionismus, partikularistische Ehrendenken statt universalistisches Würdedenken. Die Liste ließe sich fortführen. Um es plakativ auf den Punkt zu bringen: Das Bierzelt wäre das Parlament, der Stammtisch die Regierung.

Parlamentarische Politik aber ist nicht Plebejismus. Der Parlamentarismus ist die austarierende Kraft, die den anthropologisch tendenziell rechten Volkswillen in einen kompromissbereiten, menschenrechtsberücksichtigenden, verfassungsgemäßen Kontext gießt. Denn die Verfassung, die Menschenrechtsdeklaration wurde nicht am Stammtisch verfasst und nicht im Bierzelt ausgerufen.

Christopher Nolans Film aber will genau das weismachen. Das ubahnfahrende Volk, der ‚kleine Mann‘, der Plebejer – sie alle wüssten, was recht und was rechtens ist. Zeitgeschichte belegt das Gegenteil. Im Film aber kann sich Churchill nun getrost auf den Weg machen, seine vom Volk eindrücklich – gar poetisch! – sanktionierte Politik umzusetzen. Dank der Plebejer konnte England Nazideutschland vernichten und die Menschen zur Freiheit verhelfen. Das ist revisionistischer Kitsch.

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