Zur Literatur XIV (Daniel Costantino)

‚Herz der Finsternis‘ lese ich und nehme an: ein Buchtitel. Mehr noch: einen Anschlag auf die Intelligenz des Lesers, meinen Ohren nichts als eine marktschreierische Antiwerbung. Falls der Autor trotzdem gut schreibt, was ich nicht überprüfe, segelt er unter falscher Flagge.

Aber ich sehe mich 14jährig weinen zu Winnetous Tod. Es hat fast ganze drei Jahrzehnte gedauert, bis ich wieder eines Buches wegen geweint habe.

Dass ich den Kitsch überhaupt entdeckt, wundert mich, und ich könnte nicht genau sagen, wann ich ihm auf die Spur gekommen bin. Sehr spät jedenfalls, sehr spät. Und bei mir selber zuerst.

Es war nicht schon damit getan, Karl May unerträglich zu finden, von heute auf morgen. Die vielen durchwachten Nächte! Und plötzlich gefiel mir keine einzige Zeile mehr. Ich schrieb es einer Übersättigung zu oder einem abrupten Wechsel des Geschmacks, infolge der Pubertät.

Die Bewusstwerdung. Ignatius von Loyola hat Exerzitien erfunden, sich und seinen Novizen die Hölle bewusst zu machen, wie sie stinkt und stöhnt, wie sie quält und schwelt. Die Angst und die Gnade. Kontrolle der Gedanken und des Empfindens ad majorem Dei gloriam. Eine Bewusstwerdung nicht in Kerns Sinn, aber auch eine.

Die Genazino-Zitate
Tiefes Misstrauen. Worte, die ich nicht im Munde führe. Was wäre denn die ‚gesellschaftliche und politische Situation in der Welt‘? O sperberhafter Tunnelblick. Eine Phrase, die einer dem andern nachplaudert. Fehlt nur noch die Wiedervereinigung der Welt, Weltgemeinschaft und Weltregierung gibt es ja schon, vorallem, wenn irgendwo im teuren Westen ein paar Terroristen zuschlagen. Und nun soll diese einzige Lage auch noch das Schreiben ‚marginaler und entbehrlicher‘ machen, als gäbe es noch etwas wegzumarginalisieren, stünde es an, einer Sache zu entbehren oder nicht, derer ‚die Welt‘ nie bedurft. Die Frage nach der ‚Berechtigung der Kunst‘ entlockt mir ein Lächeln –welcher Vogel fragt schon, ob er pfeifen darf. Nun also, des Geistes Kind bin ich nicht. Kunst hat immer nur Anerkennung gefunden, wo sie ziert und verziert. Kunst stört imgrunde, verstört die Leute. Da ist es weitaus berechtigter, Fabriken zu bauen und alle mit einem Arbeitsplatz ruhigzustellen. Die Rede von der Literatur als ‚Angebot des Beistands‘ passt haargenau hierhin. Nicht jedem ist halt die Bibel schon Trost genug.
Ich glaube, hinter solchen Vorstellungen steckt eine Verballhornung der Kunst: sie hat für das Schöne da zu sein.

Ich werde von Tür zu Tür gehen mit ein paar Manuskripten und freundlich jeder Hausfrau meinen Beistand anbieten.

Gemessen an diesen Zitaten ist Genazino weder Dichter noch Denker. Wiederkauen verdirbt alles.

Kerns These von den drei Optionen:

1. Einen Gedanken fassen
2. Ihn ausformulieren und inhaltlich mit andern Gedanken in Bezug setzen.
3. Im theoretischen Text wenig, im literarischen möglichst viel Subtext.

Aber ich schreibe mit der Nase. Ich muss einen Braten riechen. Um Bezüge kümmere ich mich nie, denn die ergeben sich von selbst aus der Beschränktheit meines Hirns und der des Lesers. Ich sass mit einem Pianisten zusammen. Seiner Kunst sei nichts schädlicher als die Routine. Er ist beim täglichen Üben darauf bedacht, sie nicht zuzulassen, spielt handüberkreuz, ihr entgegenzuwirken. Müsste eine solche Hygiene nicht auch für die Sprache und fürs Denken ganz allgemein gelten? Es gibt nichts Routinierteres als die Bezüge, die sich einem aufdrängen, die schon da sind, bevor man zu denken beginnt. Wie leicht spricht man von der ‚gesellschaftlichen Situation‘, vom ‚gesunden Menschenverstand‘ oder vom Genie Goethes, ohne zu wissen, was man da sagt. Dass man also in Bezug setze, will noch nichts heissen.
Es gibt ja wenig Dinge, zu denen man wirklich etwas zu sagen hat, und man repetiert es allzuoft. Immer viel Subtext! Ein Satz, der nicht die Macht hat, zehn andere Sätze zu umspannen, zehn andere Sätze zu erzeugen, ist kein guter Satz. Andrerseits fallen dem ersten besten Trottel immer ein paar Dinge ein, wenn er liest. Ohne Subtext geht gar nichts, und je bewusster die Sache einem Autor, desto besser für seinen Text. Es gibt keinen Unterschied zwischen guter poetischer und guter theoretischer Literatur ausser dem zwischen Seele und Gedanke. Man dürfte mit Recht von Primär- und Sekundärliteratur sprechen. Seele ist Innenleben, Instinkt, das Primäre. Der Gedanke Beobachtung, Schlussfolgerung, das Sekundäre. Allerdings ist mir das eine ohne das andre nichts wert.
Aber auch hier nehme man sich vor dem Missverständnis in Acht, man müsse nur die Seele schweifen lassen, um ein Poet zu sein. Eine alberne Vorstellung, aber sehr im Schwange.

Die Träume, sagt Kern, seien ja doch nur Schall und Rauch. Ja was will er denn? Bald wird auch von ihm nichts andres übrigsein.

Angenommen, es ist nicht zu hoffen, er stürbe vor mir. Was bliebe mir als der heimatliche Nachklang seines Schalls?

Aber er möge lange leben und gegen das Träumen sticheln.

Die Klassik hat mir ein Italienischlehrer mit dem Wort von der Ausgewogenheit für alle Zeiten madig gemacht. Ein bisschen habe ich mich dafür geschämt. Nun kokettiere ich damit.

Alles Ausgewogene, Ausgeglichene, alles Unerschütterliche und Weise, jedes Allgemeingültige, Universale ist mir suspekt. Kern zeigt sich immerhin irritiert. Vielleicht irritieren ihn meine Sätze neuerdings. Ich müsste erst einen schönen Teil der klassischen Literatur fressen, auch der Musikliteratur, um überhaupt zu wissen, ob die Analyse stimmt, die ihn irririert. Aber ich meine, es mir nicht schuldig zu sein. Ich hänge an meiner Unausgewogenheit.

Drei unklassische Einsichten:

Anzunehmen, von einer Sache wäre das Gegenteil richtig. Einzusehen, dass es ebenso falsch. Und nichts mehr zu meiden als den trompetengoldenen Irrweg der Mitte.

Programmierter Applaus: Je grösser der Pfusch, desto lauter der Tusch.

Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte.
Gut. Aber die Steuererklärung soll ich schon noch ausfüllen?


Zur Literatur XIII (David Kern)

Nicht zieht es mich zum Herz der Finsternis, mit seinen schwerfälligen Beschreibungen und allzubunten Schilderungen einer überkommenen Exotik.

Unterscheide die Dichter von den Denkern.

Die Empfindung und die Vernunft sind nicht auseinanderzutreiben. Erstere schafft den Menschen, zweitere macht aus ihm die Repräsentanz, die Bedingung ist für die abgrenzende Bewusstwerdung.

Kraus‘ Hass auf die Floskel gilt es sich anzueignen.

Welche Anmaßung der Theosophie: zu glauben, Philosophie und Theologie zusammenzubringen.

Notizen zur Dankesrede für den Rirke-Preis 2010 von Wilhelm Genazino:
Die gesellschaftlichen und politischen Situationen in der Welt würden das Schreiben „entbehrlicher und marginaler“ machen; Genazino spricht von der „Theodizee der Kunst“, also der Frage, ob die Kunst angesichts der Mechanismen und Zustände der Welt noch ihre Berechtigung hat. Literatur spiele im „Wirklichkeitsgefälle“ keine Rolle mehr, sie habe in der Moderne ihre „Repräsentanz“ verloren. Wird aber des Schriftstellers Tun nicht durch das (psychologisch wirksame) Werkästhetische seines Kunstwerks besonders legitimiert im Angesichte der Vernutzbarmachung gesellschaftlicher und ökonomischer Betätigung? Anders gefragt: Schafft der Schriftsteller mit seinem Werk nicht ein Rückzugsgebiet, das verführerisch wie noch nie darauf wartet, in müßigen Anspruch genommen zu werden? Genazino beantwortet es ja selbst: „Moderne Literatur ist der immer wieder neue Versuch, Erfahrungsautonomie zu gewinnen in Umgebungen, die weder Erfahrung noch Autonomie brauchen können.“ Denn zu lesen bedeute, „über den Umweg eines fremden Textes mit sich selbst zu kommunizieren“. Letztlich sei Literatur ein „Angebot des Beistandes“ bei der „inneren Auseinandersetzung“ in der Intimität des lesenden Subjekts. Folglich ist die Literatur eine der wesentlichsten Instrumente zur Selbstbewusstwerdung.

Dann aber wird das Nebensächliche zum Grundsätzlichen.

„Aber der Mensch hat noch ein Bedürfnis mehr, als zu leben und sich wohl sein zu lassen, und auch noch eine andere Bestimmung, als die Erscheinungen um ihn herum zu begreifen.“
(Schiller, Über das Erhabene)

Die Schwierigkeit liegt in drei Operationen: einen Gedanken fassen, ihn ausformulieren und inhaltlich und unmissverständlich mit den anderen in Bezug setzen. Im theoretischen Text gilt es, den Subtext möglichst gering zu halten, im literarischen Text, ihn möglichst auszuschöpfen.

„Meine Träume kann ich nicht schildern, weil sie nicht schildernswert sind, weil sie nicht erzählbar sind, weil ich sie nicht fassen und ihnen nachgrübeln kann.“ Die Träume, sie sind ja doch nur Schall und Rauch.

Der Romancier sei der Halbbruder des Dichters, meinte Schiller.

Das Irritierende an der Klassischen Literatur: immerzu weise unerschütterliche Feststellungen, immerzu allgemeingültige, universale Welt- und Menschenansichten. Allein bleiben es immer bloß Behauptungen. Da hilft auch keine Werkästhetik, die sich von den bitterbösen Umständen in der Welt abwendet und sich gleichsam im Reaktionären windet.

Und wenn die „allermeisten Sprachstümper“ gar keine Gedichte schreiben wollen, sondern nach der seelischen Selbstentlastung frönen? Dann müssen sie vom Wort der Literatur absehen.

Seneca empfahl, sich jeden Abend seines Tagwerks zu erinnern.

„Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen.“ (Brief Lessings an seine Mutter)

Einer betreibt Literaturkritik, um sich selbst zu fassen.

„literatur steht außerhalb der information. der text ist wie ein gemüt. Eine seele. er atmet. ein mensch steht vor einem kleinen kind. und er zeigt darauf und sagt: kind. und dann wendet er sich einer nützlicheren sache zu. ein dichter steht vor dem kind oder das kind ihm vor augen. dem dichter aber kommen tränen.“
(Daniel Costantino)


Zur Literatur XII (Daniel Costantino)

Sprache sei Kleid / Die Überwindung des Tiers

Die Beherrschung des Animalischen, nicht seine Überwindung im Sinne der Entpuppung zu einem höheren Wesen, als wesentliches Merkmal sprachlicher Kunst, von Kunst überhaupt; kein Geniestreich verdankt sich einer Vernunft.

Zur Beherrschung gehört das Scheitern wie eine Conditio sine qua non. Kein Makel, sondern Bedingung des Lebens.

Die Vernunft als treibende Kraft ist eine Illusion. Sie ist Handhabe nur, Werkzeug, Technik.

Das Spektakel begann vor 50 Jahren mit einer Nottaufe. In der Zwischenzeit habe ich ein einziges Diplom erworben, den Führerschein. Und aber Worte, Sätze, Sprache, der Welt entgegenzuschleudern. Ein gütiges Geschick möge nach meinem Ableben Stille und finstere Nacht um mich legen oder mich in meinen Träumen belassen, die abenteuerlich sind und voller Glück, bis zum heutigen Tag.

Was soll mir die Sprache ein Kleid sein? Zu künstlich, zu modisch, zu eng.

Nicht Abbild sei deine Sprache, nicht Kleid: aber Körper!

(Vielleicht ist es gut, sich auf eine zweite Meinung zu stützen. Womöglich hält mich K.K. davon ab, eine Torheit zu sagen. Doch was lese ich?
„Mit der Neuen Freien Presse — deren ablehnende Haltung ist ja, so behauptet ein gut informierter Theosoph, der Eckstein meiner Entwicklung — wirds auf absehbare Zeit hinaus ja doch nichts. Man wird alt, und darum habe ich mich einmal gefreut, daß mir wenigstens nach dem Tode Ludwig Hevesis eine Anerkennung zuteil wurde. Jener Juwelier nahm damals meinen Gedanken über die Sprache, die mich beherrscht, zu sich und zeigte ihn den Lesern des Extrablatts, die sich an den Kopf griffen, während ich mir an die Tasche griff. Kleinlich, wie ich bin, hielt ich es für erheblicher, daß mir vier Worte abhanden gekommen waren, als wenn man dem Extrablatt vier Jahrgänge davongetragen hätte. Immerhin, was kann mir geschehen, dachte ich, solange man mir meine Haut noch läßt! Die Sprache nämlich ist die Haut meiner Gedanken, nicht ihr Kleid, hatte ich einmal geschrieben. Wie lange werde ich warten müssen, bis das Extrablatt auch diese Erkenntnis anerkennt?“
Na also.)

Ich führe meine ganze Kreativität aufs Träumen, und nur aufs Träumen zurück.

Freilich sind die zielorientierten Träume meine Sache nicht. Der Traum vom eigenen Haus ist sprichwörtlich und Volksgut geworden. Ich vernehme sogar, dass ein Skispringer erst vom Olympiasieg und nachdem dieser doppelt errungen vom Gewinn des Weltcups und hernach immerhin noch vom Triumph auf irgendeiner kleinen Schanze träume. Am Ende wird er von einer Medaille im Sackhüpfen träumen.

Zustimmung zu Kerns Diktum über Leseratten. Als ich den Ausdruck niederschrieb, habe ich gespürt, dass er zu salop ist. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich über meinen eigenen Einwand hinweggesetzt.
Wie konnte das geschehn? Ich habe den Wechsel der Perspektive nicht vollzogen. Ecos Ausspruch ist mir nämlich zu leserattig. An diesem Viertelgedanken bin ich hängengeblieben, ohne ihn zuendezudenken.

Der andere Mensch ist stets eine Projektion des einen.

Aber wie kann es zu den Mythen kommen? Zum kollektiven Gedächtnis? Wie hat das Volk eine Seele?

Ich betreibe Literaturkritik nicht um der Bekehrung willen noch um andern ins Handwerk zu pfuschen. Aber wer Kitsch lobt oder liest, am Ende denkt und schreibt, soll wissen, was er tut.

Kitsch nicht im Sinne eines mangelhaften Handwerks und nicht als eine Geschmacksverirrung, nicht als ästhetisches Thema. Sondern als ethisches.

Die Dichter lügen nicht. Wer lügt, ist nur der Kitschier. Er ist kein Idiot, aber ein Falschmünzer. Und er weiss es genau.

Politik als Unternehmen, übers Grundsätzliche gerade nicht zu sprechen.

Den profanen Anstand ins Geistige zu tragen, also comme il faut zu denken und zu fantasieren, halte ich für verantwortungslos. Eine Anbiederung der übelsten Art.

Es ist schon grotesk: Ich schreibe zwei ruhige analysierende Worte über Paulus, Luther, Zwingli und wie sie alle heissen und werde sanktioniert, als hätte ich und hätten nicht sie Gift und Galle aufs Papier gespuckt.

Die Verehrung des Gottkönigs. Welche Dichter lügen da?

Wie einfach funktioniert Religion! An meinem Beispiel: Ich träume also bin ich. Ich werde zum Träumen noch gestorben sein. Gott der Allmächtige nämlich glaubt stärker an mich als ich selbst und hat mir in Aussicht gestellt, mich dereinst einfach weiterträumen zu lassen. Er habe sich auch mit dem Satan ins Vernehmen gesetzt. Man dulde weder oben noch unten meine unbotmässige Kritik.
Mir kann nichts bessres geschehn.

Über zwei Dinge bin ich nie hinweggekommen: ich nenne sie einmal den Gruppengeist im allgemeinen und die sexuelle Konditionierung noch im besondern.

Man muss kein besonderes Organ für Lyrik haben. Wer sich an Lyrik nicht herangetraut, hat sich einschüchtern lassen. Es gelten da genau dieselben Kriterien zur Beurteilung der Sprache. Ja, sie gelten sogar noch bestimmter. Wer keine persönliche Sprache hat, kann kein Dichter sein.

Die allermeisten Sprachstümper schreiben – Gedichte, eins ums andere. Sie erdreisten sich, gerade die künstlerischste Sprachform zu ruinieren. Sie reimen Garten auf warten und Haus auf Maus und kriegen sich vor lauter Inspiration gar nicht mehr ein. Dabei verstehen sie vom Dichten so viel wie einer, der grad mit dem Zirkel einen Kreis ziehen kann, von der Bildhauerei.

Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.


Zur Literatur XI (David Kern)

Der verniedlichende Begriff der „Leseratte“. Ich stelle mir vor das Kind, das entgegen den finsteren Bestrebungen seiner modernistischen Umwelt stolz und revoltierend im Kleinen kauernd unter der Bettdecke, hockend neben dem Ofen, vertiefend in der Straßenbahn engbedruckte Bücher liest und mit merkwürdig-fahlen Blicken der Altersgenossen bedacht wird. Es ist ein eskapistisches Lesen, ein Fantasielesen, ein Faszinosum. Es ist ein Lesen um des Lesens willen. Das Kind wird erwachsen, und entweder breitete sich das entromantisierende Gift des Konsums der medialen Derbheiten über die Jahre aus in seinem Denken und seinem Fühlen und die Bücher beginnen, unaufgeschlagen, wie stillgelegte Objekte, den Schreibtisch zu zieren, oder es erhebt sich die lebenslange Laufbahn des professionalisierten Lesens. Das Kind, das zum Erwachsenen gereift, ist keine Leseratte mehr, er ist nun Leser. Er liest nicht mehr um des Lesens willen, sondern um sich und die Welt zu begreifen.

Ich träume im Halbschlaf, erwache bekümmert und entmutigt, verliere mich in der Anstrengung, die Phantasmagorien durch mein dingliches Handeln aus dem Gedächtnis zu tilgen: Denn sie hinterlassen den bitteren Geschmack der unerträglichen Sehnsucht. Pessoa schreibt: „Ich muß wählen, was ich verabscheue: das Träumen, das meinem Verstand verhaßt ist, oder das Handeln, das meiner Sensibilität zuwider ist; das Handeln, zu dem ich nicht geboren bin, oder das Träumen, zu dem niemand geboren ist. Da ich beides verabscheue, wähle ich keines; weil ich aber mitunter entweder träumen oder handeln muß, vermische ich das eine mit dem anderen.“

Als Vater, als Arbeiter, als Leser ändere ich die Rollen, und erlebe dennoch das gleiche Leben. Die Literatur bietet die Möglichkeit der wechselnden Perspektive; mal bin ich ein dem Tod geweihter Ingenieursstudent, mal sitze ich im brütenden Dschungel von Mexiko fest, mal lasse ich mir von einem Kind die böhmische Landschaft erklären. Und doch wirkt jede fiktionale Figur, über die ich lese, die ich begleite, auf mich zurück, und ich erlebe durch das Lesen die Möglichkeit meiner Person als handelnde Person in Davos, Mexiko oder Böhmen. Durch das Lesen wird der Leser zum potentiellen Handelnden; die jeweilige Handlung im Roman ist eine Stellvertreterhandlung. Dies erweitert in ungeheurem Maße den Betrachtungshorizont des still und heimlich im Stuhl sitzenden Lesers. Es ist, als wäre er auf Weltreise, und seine Handlung seien unerschöpflich. Die Figur des Romans ist stets eine Projektion des Lesers. Ich bin der Vater der Sohn der Freund der Liebhaber der Schreiber, ich bin der Totkranke der Dürstende der Spaziergänger der Gescheiterte der Rasende.

Lügen die Dichter?

„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“ (Schiller) – Heiter ist das Leben, ernst ist die Kunst.

„Literatur, eine mit dem Denken vermählte Kunst und eine Verwirklichung ohne den Makel der Wirklichkeit, scheint mir das Ziel, dem alles menschliche Bestreben gelten sollte, wenn es denn wahrhaft menschlich und nicht allzu tierhaft wäre. Ich glaube, eine Sache in Worte fassen heißt ihr die Kraft bewahren und den Schrecken nehmen. Felder sind grüner in der Beschreibung als in ihrem Grün. Beschreibt man Blumen mit Sätzen, die sie im Bereich des Imaginären definieren, sind ihre Farben von Dauer, die ihr zelluläres Leben nicht hergibt.“, schreibt Pessoa in seinem Buch der Unruhe. Nicht eine Beschreibung des Lebens wird hier bedacht, sondern eine Überschreibung der Wirklichkeit. Literatur müsse sich der Wirklich erheben, sie müsse sie prachtvoller, stilvoller, gehaltvoller machen. Pessoa denkt sich eine Ästhetisierung der Literatur, eine Veredelung des Bekannten, eine Transzendierung des Gegebenen, und setzt die Tradition der Romantiker fort. Der „Makel der Wirklichkeit“ führe den Schreibenden zur Dichtung, sie sei eine Voraussetzung zur literarischen Produktion, während die Literatur eine „Verwirklichung“ darstelle: Literatur werde zu einer neuen Wirklichkeit transformiert. Dies ist insofern möglich, da Dichtung mit dem Denken „vermählt“ sei. Es ist also nicht nur eine Wirklichkeit der Empfindung, sondern eine bedachte Wirklichkeit, eine intellektuell konstruierte. Das „menschliche Bestreben“ müsse sich in den Dienst dieser neuen gedichteten und doch die Eigenschaft des Realen einnehmenden Wirklichkeit stellen. Das Paradox, das hieraus im Entstehen begriffen ist, wird vom Autor nicht beseitigt: Wie kann eine gedichtete Wirklichkeit zur Wirklichkeit werden, da doch das Wort der Dichtung im herkömmlichen Gebrauchssinn einen gedachten Entwurf und also einen Schwindel impliziert? Ich unterstelle dem Autor eine in seinem Satz unausgesprochen bleibende aber latent geforderte Überwindung der „Wirklichkeit“ durch die makellose Wirklichkeit der Dichtung. Der Mensch ist von Pessoa angehalten – im Übrigen gänzlich im Sinne der aristotelischen Forderung nach der Ausdehnung des Lebens über seine notwendigen Bedürfnisse hinaus -, sich über die Dinge zu erheben und romantische Literatur zu schaffen oder zu lesen (in welchen Verhältnis – schreibend, lesend – sich der Mensch der Literatur gegenüber sieht, bleibt im Satz unbeantwortet), wäre da nicht das Hemmnis der menschlichen Tierhaftigkeit. Das alte Topos des blinden Triebes, der über die Vernunft triumphiert, findet der Leser als roter Faden in der anspruchsvollen Weltliteratur und Ideengeschichte. Schopenhauer entwarf seine Philosophie auf der Stütze des Willens, Freud geißelte ihn als Es, Thomas Mann legte im Zauberberg den Satz „Nichts ist schmerzhafter, als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns hindert, der Vernunft zu dienen.“ dem organisierten Rationalisten Settembrini in den Mund. Es gelten nach Pessoa zwei Überwindungen: die Überwindung der Wirklichkeit und die Überwindung des Tierischen. Dann könne der Wirklichkeit der „Schrecken“ genommen werden. Und doch bleibt die Errungenschaft „imaginär“, und es bleibt uns nichts übrig, als uns mit dem blassen Grün zu begnügen.

Dichtung ist Wesen, Sprache das Kleid.


Zur Literatur X (Daniel Costantino)

Ecos schönem Ausspruch sei der Applaus gegönnt, den er bei uns Leseratten einheimst. Doch die ‚unendlich vielen Leben‘ erlebt man auch im Traum, im Wachstum und Verfall, im Wechsel von Liebesfreud und –schmerz. Man ist als Vater durchaus nicht derselbe Mensch wie als Angestellter. Wo wir vor Ärger aus der Haut fahren oder unvermittelt in Panik geraten, wo wir uns mit einem Schauspieler, einem treuen Hund, einem quietschenden Schimpansen identifizieren, wo wir uns zudröhnen, anspornen, totstellen – sind wir der Verwandlung fähig, und es braucht dazu keine Textvorlage.

Ein Krimi soll spannend sein, nichts ausserdem. Er darf ein gewisses niederschwelliges sprachliches Niveau nicht unterschreiten, ich lasse mich nicht beleidigen.

Dichtung ist nicht Kleid, sondern Atem.

In den letzten Nächten träume ich Sätze. Ich erinnere mich ihrer nicht konkret. Doch an den Eindruck, ihretwegen ein wunderbares Leben zu haben.

Mancher kann in höheren Regionen nicht atmen. Er kuscht und pfuscht im Mischbestand des Unterholzes.

„Das hätte ich nie von mir gedacht!“ erzählt mir ein Freund über aggressive Ausfälle, die er sich einem andern gegenüber leistet. Woher kommt das? frage ich zurück. Wer hat dich so behandelt? Und bringe ihn damit erst zum Nachdenken und dann – zum Lächeln.

Gedanken, sagt Kern, würden weitergedacht und weitergedacht. Darauf beruhe alle menschliche Kultur. Ich aber rede von Kolportage. Darauf zielt mein Vergleich der zweiten Hand.
(Er ermesse die Kulturlosigkeit in Literaturforen. Ist sie nicht ungeheuer? Gemeinhin liesse sich sagen: immerhin, sie sitzen zu Tisch und bemühen sich, Gedanken aufs Papier zu bringen. Aber nur gemeinhin.)
Ein Lieblingszitat zur Illustration, dass durchaus nichts denken braucht, wer kluges sagt:
„Im Westen wird derzeit selbstgefällig die Diskussion über den Grundsatz geführt, dass wir das Recht auf eine freie Presse genießen. Aber wer hier nicht Selbstbetrug betreibt, weiß genau, daß die Zeitungen von Anzeigen leben, und daß sie Rücksicht darauf nehmen, was bestimmte wirtschaftliche Kräfte diktieren. Die Presse selbst ist Teil enormer Unternehmensgruppen, welche die öffentliche Meinung monopolisieren. Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.“
Günter Grass. Ich lasse Revue passieren, was ich einmal einem Diskussionspartner gegenüber dazu geäussert hatte:

< meine kurzanalyse: ein typischer grass! er schreibt in seinen romanen um kein jota besseres deutsch. im gegenteil noch! umständliche, stillose sprache, etwas sperrig und ungelenk wie immer. selbstgefällig wird eine diskussion über einen grundsatz geführt, dass... gehts nicht etwas weniger umständlich, knapper, eingängiger? nein, kann er nicht. hat er nie gekonnt. immer leichter bis mittelschwerer ansatz zu schwulst. und wird die diskussion überhaupt geführt? von wem denn? die ..und-dass-sätze, achgott! man muss stets um drei oder vier ecken denken, bis mans zusammenbringt. das ist ungelenk, unschön obendrein. und was kommt ausser der grossen röhre dann heraus? eine binse! nichts weiter als eine binse, etwas, was wir nun wirklich alle wissen, was er ungestraft herumposaunen kann. dass die zeitungen von anzeigen leben! ach nee, hättest dus gewusst? die presse teil von unternehmensgruppen, ja das hört einer täglich. aber die diskussion darüber? vielleicht zweimal im jahr im dritten programm, lange nach mitternacht, wenn alle schön schlafen. übrigens: diskussion über den grundsatz führen, dass...na, wenns ein grundsatz ist, muss man eigentlich nicht darüber diskutieren. und was zu diskutieren gäbe, stellt den grundsatz ebengerade infrage. solches wischiwaschigeraune in all seinen büchern, exzessiv. er beherrscht das denken nicht! wie grossmütig auch von der presse, dass sie rücksicht nimmt. dabei hätte sies garnicht nötig. es wird ihnen ja nur diktiert. oder wie meinen? wäre sie gezwungen, erpresst, korrupt? du siehst, es passt nichts aufeinander. dass sie rücksicht darauf nehmen....was ihnen diktiert wird! der junge ist wirklich drollig. lies seine 'zwiebel', du wirst sehr lachen können. und wie bischöflich-hirtenhaft geradezu der satz vom schutze, den wir suchten 'unter dem recht auf freie meinungsäusserung'. und, bei lichte besehen: wir hätten natürlich nicht das recht verloren, hier schutz zu suchen. suchen darf man immer noch. aber so ist er halt, der grass. nicht sehr genau. schwülstig im stil, hochgestochen in den metafern und etwas gar umständlich im satzbau für einen dichter, für einen, der sich also an höchsten massstäben messen lassen muss. (und der die chuzpe hat zu sagen, er sei nicht der einzige grosse erzähler, gerold späth sei ihm fast ebenbürtig! dabei ist späth ein wirklicher erzähler, ein meister des fachs, ein bedeutender, sprachlich auf hohem niveau stehender autor!) aber grosse moralische instanz! ohne witz gesagt und objektiv! >

Vielleicht ist’s jetzt deutlich, was ich verstehe mit meiner ‚zweiten Hand‘. (Inspiriert vom Secondhandladen, gebrauchte Kleider und andre Ware aus zweiter Hand. Man kleidet sich in abgewetzte Klamotten aus der Not des Habenichts und schaut auch, dass sie schön zu einem passen.)

Ich soll mir Gedanken machen zur Friedenstauglichkeit der islamischen Religion im Kontrast zur christlichen. Ich habe das Thema im Wissen, dass es die Redaktion interessiert, selber vorgeschlagen. Damit ich den Auftrag kriege und vorallem das Geld.
Nun – soll ich mich kundig machen über den Islam um mein Bild von den Religionen recherchierend bestätigt zu sehn oder genügt es mir, meine Erkenntnisse über den Menschen zum besten zu geben? Es könnte sein, dass mein Bild sich änderte? Es hat sich über Jahrzehnte ausgeprägt, soviel Zeit ist nicht. Ich habe 10 Tage, nicht 10 Jahre. Ich erkenne die Verantwortung. Das journalistische Format ist beinahe verantwortungslos. Auf kleinstem Raum – 2500 oder 3000 Zeichen, selten 3500 – etwas Vernünftiges und dem Leser Nachvollziehbares zu verfassen, ihm also nichts vorzusetzen und keine Kolportage abzuliefern, ihm weder leichtfertige Bestätigung noch Klischees über einen imaginierten gemeinsamen Gegner zu bieten – ich bin froh, meine Sprache zu haben.

Leider ist das Schulegeben zu Ende. Man wollte mir noch weniger Geld dafür geben, und ich habe hinunherüberlegt und schliesslich nein gesagt. Die Querelen und Verleumdungen hinterher zeigen mir, dass mein Entscheid der richtige war. Ich hätte meinen Geldbeutel für eine vereinsinterne Misswirtschaft geleert, mit der ich nichts zu tun habe. Und nun muss ich den Kopf hinhalten, damit der Präsident sein Gesicht wahren kann.
(Man ersetze in den letzten zwei Sätzen das Wörtchen Ich durch das Wort Volk. Und denke an den Krieg und vermeide den Konjunktiv.)

Der Film mit Nizon. Er zeigt den Zwiespalt seines Schaffens, ja verstärkt ihn. Hier schauspielert einer den Künstler. Immer wieder zu klischiert, zu dürftig, zu salopp. Ein grosses Talent mit 30, ein paar mitreissende Passagen, eine herrlich freie Leber. Was er in der Abstraktion begriff, hat er nicht in die Praxis umgesetzt.

Ich schreibe zum Thema ‚was ist Literatur‘. Also darüber, wie ich sie haben will. Ich schreibe über Dinge, die mich beeindrucken und über solche, die ich verachte. Objektivität in die Sache zu bringen, fällt mir fast so schwer wie in der Musik – fast. Ich habe mich trotz einer musikalischen Ausbildung nie als Musiker gefühlt, nur als Sänger (und Musikliebhaber). Einen Sänger darf ich kritisieren, weil ich die Massstäbe kenne und mich selber an ihnen gemessen habe. Ich weiss von den Voraussetzungen und der seriösen Arbeit an und mit sich selbst. Ich beachte Technik und Bühnenpräsenz, Handwerk und Wirkung. So kenn ich auch vom Schreiben den Unterschied zwischen einem Gedicht und einem hingekritzelten Sudel. Vom kolportierten zum realisierten Denken. Von der blossen Äusserung zum poetischen Satz. Über solches rede ich und schreibe ich hier. Neunzig Prozent dessen, was Musik sein will und mein malträtiertes Ohr erreicht, ist Massenprodukt. Das Allermeiste, was mir als Buchstabengemengelage unter die Augen kommt, ist dasselbe, bestenfalls Konvention, schlimmernfalls Mache. Und ich gebe zu, dass es sich mit meinen Gedanken und Empfindungen nicht anders verhält. Aber mir darauf einen Kuckuck und eine Literatur einzubilden, verböte mir mein Stolz. Die Arbeit ist den zehn Prozent Menschentum geschuldet, das übrigbleibt.


Zur Literatur IX (David Kern)

Objekt und Subjekt

Literatur als Substitut zum Erlebten. Mein Freund Costantino schreibt, es gehe niemals um Geschichten. Umberto Eco schreibt, durch das Lesen erlebe man unendliche viele Leben, wo ansonsten bloß das eigene sei. Lese ich Poes Text über Berenice, der der Icherzähler in einem merkwürdigen Trancezustand die Zähne ausschlägt, bin ich gebannt von einer Geschichte, die sich in fabelhafte Dichtung kleidet.

Es wäre verwegen, erklärende Literatur zu schreiben. Der Dichter entwürfe eine Welt und erkläre sie zugleich. Die Gefahr ist groß, sich durch Willkür leiten zu lassen; was ich ahne, lasse ich Teil der Geschichte werden, was mir unerschlossen ist, ignoriere ich. Es wäre eine Welt des Kindes, das spielerisch sich vorstellt, was fassbar ist; es wäre eine Welt des Fragments. Daraus ließe sich leiten, der Dichter entwirft eine Welt, die er sah und womöglich reflektierte, und überlässt das Erklären den Wissenschaftlern. Michael Hanekes Film vom Siebenten Kontinent erzählt von der diffusen Traurigkeit eines kapitalistischen Zivilisationslebens. Er zeigt die immergleichen Handbewegungen und die stummen Gegenstände, die gleichgültig in Starrheit verharren. Der freie Tod kommt als der einzige Ausweg zu einem andern Ort über die Menschen, als Vorwegnahme eines unwillkürlichen natürlichen Eingriffs. Haneke aber erklärt nichts sondern zeigt die Menschen – oft nur ihren Körper ohne Blick und Gesicht – in ihren routinierten Bewegungen. Wenn der Dichter erklärt, verbirgt er zwangsläufig Wirklichkeit. Wenn der Dichter deutet als Allwisser, lügt er. Der schulische Ausdruck des „allwissenden Erzählers“ ist verlogen. Auch dem Dichter bleibt schlussendlich nichts als Spekulation übrig. Er will ja nicht als Scharlatan auftreten.

Im kühlen Vorwinter war es wohl, als ich mit S.K. in der Universitätsaula stand und wir uns dem Lavieren überließen und dem Trübsinn. Und es war wohl Leichtfertigkeit, die mich dazu brachte, das Wort auszusprechen, womöglich in keinem Zusammenhang, womöglich in keinem engeren Sinne, das Wort der pragmatisierten Philosophie, das, wie es noch nicht absehbar, später für Erregung sorgen sollte; vermutlich würde es eine solche gar nicht verdienen. Der Satz lautete und lautet – nun gleichsam festgenagelt – noch immer: „Alle Literatur ist nur pragmatisierte Philosophie.“ Im Wiedererinnern durch meines Mitgrüblers Beitrag zur Frage nach dem Wesen der Literatur stieß ich mich in erster Linie, als auf den unmittelbaren Blick des Betrachters und, in diesem Fall, Schöpfers, am schlichten Prädikat „nur“. Dieses „nur“ erscheint als eine Herabsetzung des beschriebenen Sachverhalts, als sei Literatur überhaupt mit einem lakonischen „nur“ charakterisierbar und nehme in der Hierarchie mit der Philosophie den beschämenden zweiten Platz ein. Der Fall ist dies freilich nicht. Wie ich heute denke, sollte dieses „nur“ lediglich ein Ausschließverfahren andeuten: Alle Literatur sei nichts als pragmatisierte Philosophie.Dessenungeachtet bleibt der Satz angreifbar. Der Mitgrübler sagt, man müsse die beiden Begriffe – die Literatur und die Philosophie – in Beziehung setzen, indem man sich ihre Unterscheidungen vor Augen führe. Philosophie tendiere zur Objektivität, ihr Wesen sei Wahrheit, ihre Form das Prinzip. Demgegenüber stünde die Literatur als Vermittlung von subjektiver Weltsicht, ihr Ziel sei das Einzelne als Fall, ihre Form sei die Fantasie.
Nun tue ich mir schwer mit den Kategorien „Subjektivität“ und „Objektivität“. Die Philosophie, als Nachdenken über die Welt, kann insofern nicht der objektiven Wahrheit zustreben, als es eine solche nicht gibt. Andernfalls hätte es die Weltgeschichte mit den Schriften Platons und, als Gegenpol etwa, Epikurs belassen können. Die Wahrheit ergibt sich aus den einzelnen Wirklichkeiten der Welt. Die Wirklichkeiten sind die Konsequenz aus einer pluralistischen Realität. Die Literatur ist die Sammelstelle für die Wirklichkeiten, ebenso wie es die Philosophie ist.
Der (nun verdichtete) Satz „Alle Literatur sei nichts als pragmatisierte Philosophie“ verliert keine Gültigkeit, wenn es gilt, philosophisch fundierte Annahmen auf ihre Möglichkeit hin zu überprüfen. Voltaires Candide verschließt sich gegen den Gedanken, wir lebten in der bestmöglichen aller Welten. Candide wird in eine Welt geworfen, in der er Gesetzen unterworfen ist, die besagen, die Welt sei nicht die bestmögliche. Also ist Voltaire der Schöpfer, ein „Verwalter“ mit „gottgleicher Stellung“, der sich scheinbar nicht um „Logik“, „Ontologie“ und festgelegten „Kategorien“ kümmern braucht. Und doch erzählt Candide vom Ausprobieren der epistemologischen Möglichkeiten einer bestimmten Weltdeutung.
Beides ist vereint; die Realisierung pragmatisierter Philosophie in der stellvertretenen Wirklichkeit einer literarischen Welt. Das Wort „Fiktion“ macht sie brüchig. Denn Voltaire ist sehr wohl Kategorien verpflichtet, die ihre Pendants in der belebten Natur wiederfinden; ansonsten wäre die gezeichnete, literarisierte Welt eine Scheinwelt, die sich zu den philosophischen Prinzipien hinbewegt anstelle des umgekehrten und unverfälschten Falls: Die philosophischen Prinzipien müssen sich zur Welt hinbewegen. Denn die Deutung ist wandelbar, die Welt nicht. Das Wort der Fiktion würde, ja müsste Voltaire ablehnen.

Meinst du, Anna Karenina könnte ohne die reale Kategorie der Liebe glaubhaft bleiben?

Jeder Philosoph bleibt gleich dem Dichter in den Grenzen subjektiver Weltbeschreibung. Der einzige Weg, die Subjektivität zur Objektivität aufzuhellen, wäre ihre Erhebung zum leitenden Prinzip durch den gesellschaftlichen Konsens im Sinne habermasianischer Diskursentscheidung.

Das Prinzip der Philosophie ist seine Schwäche zur Daseinsdialektik.

S.K. schreibt, Philosophie tendiere zur Objektivität. Dann kommt ein scheinbar unbedeutender und nebenher eingefügter Nebensatz, auf den es gilt, sein Augenmerk zu richten: „freilich mit Einschränkungen“. Diesen Einschränkungen schlage ich meinen Handschuh ins Gesicht.

Costantino schreibt: „Der pragmatisierte Literat nach meiner Fassong schreibt aus zweiter Hand.“ Ein ungeheurer Satz, bedenkt man, dass alle menschliche Kultur darauf beruht, dass Gedanken wiedergedacht und weitergedacht werden.

Alles müsse beglaubigt sein von der Lebensfront her, schreibt einer, der sich „Sprachkünstler“ nennt, der er nicht ist. Wenn es ihm darum geht, die erlebte Wirklichkeit zu literarisieren, indem er sie aufschreibt, kann sich der Angesprochene durchaus rechtens sehen. Wenn es ihm darum geht, die erlebte Wirklichkeit zu literarisieren, indem er eine rechte Sprache findet, sollte sich der Angesprochene seine Ziele niedriger setzen. Da hilft auch sein Satz nichts: „Ein nicht beschriebener Tag ist kein gelebter Tag.“

Am Schluss bleibt uns noch das Wort des wahrlich dichtenden, Wirklichkeit erzählenden und sich vor Erklärung hütenden Stifter: „Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter der menschlichen Geschlechtes.“ (Aus der „Vorrede“ der Bunten Steine)


Zur Literatur VIII (Stefan Köglberger)

Wir (nicht anders als königlich zu verstehen) setzen uns an unseren Schreibtisch, … wir haben Zeit, heute, morgen, übermorgen, … die Welt lässt uns kurz durchatmen, … nur nicht zu lang, dass wir nur nicht zu denken beginnen, … nicht ihre konventionell tradierten Ansichten zu unterminieren versuchen, … nicht ihre rationale Pseudomenschlichkeit aufdecken, ja gar anklagen können, … doch wir sind spitzbübisch, verwegen, mutig genug, um einen kurzen poetisch-philosophischen Ausflug (Ausbruch?) zu unternehmen, … wir tauchen ein, in das Meer aller Ideen und Gegenideen, aller Empfindungen und Strömungen, aller sympathischen Freiheitskämpfer und sympathischen Freiheitsvernichter, wir tauchen ein in dieses an allem Ort und zu jeder Zeit (Wahrung der kantischen apriorischen Begriffe im weitesten Sinne) gelegene Reich der Kulturgeschichte, in einen Ausschnitt, die Literatur, und spiegeln sie mit einem zweiten, der Philosophie, wir stolpern unversehens über Schiller, über Camus, über so viele, … diese Schnittstelle ist ziemlich voll denken wir, und suchen, ob nicht noch irgendwo ein Plätzchen für uns frei wäre, wo wir in Ruhe auf einige lakonische Thesen eines uns unbekannten Eidgenossen antworten könnten. Immer findet sich Raum, auch für uns, hier, in dieser Spelunke der großen Geister, die allesamt nichts mehr als gescheitert sind. Doch das soll jetzt nicht unsere Sorge sein, denken wir, und beginnen die zehn Punkte, die uns über einen Dritten erreicht, nochmals zu studieren, nicht ohne ein Schmunzeln auf den Lippen. …

Ad These I.

Zuerst geben wir einer allgemeinen Hoffnung Ausdruck: Dass mehr Arbeit hinter diesen Thesen steht, als erkennbar ist, denn es kostet uns (viel) Mühe, sie zu beantworten, zu bejahen, zu widerlegen, weil der gedankliche Weg, dessen Endpunkt sie darstellen, von uns selbst deduktiv nachvollzogen werden muss. Aber nun zur ersten These an sich: Eine Weisheit liegt fernab jeder objektiven Weltbeschreibung. Wir hoffen, den Satz richtig zu interpretieren, indem wir ihn in ein philosophisch-individuelles Feld einordnen. Unser Gedankenflug durch die verwendeten Begrifflichkeiten: Weisheit – Bezeichnung für die (erfolgreiche) Art der persönlichen Begegnung mit der Welt. Hier vermutlich nicht gemeint als ideelle, absolute Wahrheit; objektive Weltbeschreibung – Benennung für vorurteilsfreie, allgemeingültige Darstellung der Realität. Hier vermutlich (in Anlehnung an unseren Text) gemeint als Zielpunkt philosophisch motivierter Texte.
Wir stellen also gegenüber: Die persönliche Begegnung mit der Welt einerseits, die philosophische Zielsetzung literarischer Arbeit andererseits. Wir konkludieren als überspannenden Rahmen daher das philosophisch-individuelle Feld, dem wir, aufgrund des Wörtchens fernab, auch noch eine ästhetische Komponente hinzufügen wollen. Denn fernab bezeichnet hier vermutlich das Irreale, also das außerhalb der Welt liegende, das unkonventionell-transzendente Element künstlerischer Darstellung.
Man sieht, wie viel Probleme ein einziger Satz aufwirft, wie viel ‚hier vermutlich’ man benötigt, versucht man sich an solch lakonische Formulierungen anzunähern; ein Hoch der Deduktion!, ohne deren Hilfe wir die Flinte längst ins Korn geworfen hätten.

Es ergibt sich, streng genommen, folgender spannender Entwurf: Die in der These hochgeschätzte lebensfähige Individualität künstlerischer Prägung versus der minder geschätzten philosophischen Wahrheit mit/in literarischem Gewand.

Nach Aufdeckung des eigentlichen Satzgehalts und der sich wunderbar auflösenden Dialektik der so schwer anmutenden Begriffe, tut sich vor uns nun die Frage auf, wo hier unser anfängliches Problem gelegen war, dieses intuitive Misstrauen beim ersten Durchlesen, dieses Nicht-daran-glauben-Wollen wegen der Maske der Naivität und Einfachheit, diese zersetzend-giftige Form des Skeptizismus, die nichts mehr mit Denken, nur mehr mit Vernichten gemein hat. Wir sehen ein, es gibt noch Sachen, die man glauben darf, … wir sehen ein, es gibt noch Sätze, die Gehalt haben, … wir sehen ein, dass wir mit Freude zustimmen, … wir wissen, dass wir dennoch uns nicht einlullen lassen dürfen, weiter denken, weiter zweifeln, weiter denken, weiter argwöhnen, weiter denken, weiter misstrauisch sein müssen.

Aber nun müssen wir leider die Spelunke verlassen, … auftauchen, … jene Sachen erledigen, die uns die Welt aufbürdet, damit wir ihr nicht entwischen, … damit wir nicht in jenen Teil des Reichs der Verwirrungen der Kulturgeschichte blicken, durch welche man erst begreift, dass alles Unmöglich und Unbegreifbar und Irreal ist, was sich jemals irgendwo zugetragen hat.

Wir haben uns allerdings notiert, für jetzt, für später, für immer, auch für früher, für Vergangenes: Eine Weisheit liegt fernab jeder objektiven Weltbeschreibung.

Post scriptum.

Aber warum das: Contraddizione risoluta??? – Vermutlich (wir immer mit unseren Vermutungen) wurde die völlig differente, ja sogar diametral gegenüberstehende Verwendung des Begriffes Weisheit im Bezugstext missverstanden. Dies ist die uns einzig möglich und sinnvoll erscheinende Erklärung.

Zitat des Bezugstextes: „Sie [die Philosophie, Anm.] tendiert zur Objektivität, freilich mit Einschränkungen. Ihr Wesen aber, müsste man es als ganzes beschreiben, wäre in erster Linie ‚Wahrheit’, meinetwegen ‚Weisheit’, wie es im Wort schon angelegt ist, das ja nichts anderes als ‚Liebe zur Weisheit’ bedeutet. Eine solche liegt aber fernab jeder subjektiven Weltbeschreibung oder Anschauung, ja sie ist auf einer völlig anderen Ebene, auf einer, die die Menschheit sozusagen als ‚ein Einzelnes’ betrachtet, verortet.“

Im gesamten Bezugstext taucht das Wörtchen lediglich einmal auf und dient vielmehr einer etymologischen Begriffsannäherung als eines Argumentationskörpers. Wir gestehen daher ein, zu unbefangen mit dem Wort ‚Weisheit’ umgegangen zu sein, seine synonyme Verwendung mit dem Begriff ‚Wahrheit’ ungeeignet im Text arrangiert zu haben.

Sollten wir uns allerdings ungenügend ausgedrückt haben oder die These falsch verstanden haben, bitten wir darum, geduldig mit uns zu sein, und uns noch einmal eine ausführlichere Aufschlüsselung des Gedankenweges, welcher zur These führte, zu übersenden. Behalten wir allerdings auch im Auge des Verfassers der Thesen recht, ist also unsere Zustimmung zu These 1 aufgrund der richtigen Gedankenrekonstruktion erfolgt, betrachten wir die Sache für erledigt, bedanken uns, und verabschieden uns mit den besten Grüßen.


Zur Literatur VII (Daniel Costantino)

VII; der Leser

Vielleicht ist es gut, einmal vom Leser zu reden. An ihn denkt der Dichter, Kern sei zugestimmt, zuletzt. Den Dichter interessieren seine Gedanken und Figuren und seine Sprache. Aber ich bin Kerns Leser und harre seiner Beiträge, die er nicht mir persönlich schreibt, nur schickt, wenn ich Glück habe. Was aber treibt mich in Buchhandlungen? Suche ich nach Flaschenpost von verwandten Geistern? Nach neuer Kunde vom Feind? Vom andern Ufer? Nach Zerstreuung oder Belehrung, gar Wahrheit, Weisheit? Ich stehe vor den Kisten und Laden der Bestseller, Bücherkörben mit hunderten von Exemplaren zu Türmen aufgeschichtet, überdimensioniert wie riesige Futtertöpfe für Allesfresser. Und bezweifle wechselweise Kerns Diktum, der Dichter stelle sich keinen Leser vor, oder das Attribut Dichtung für solche Bücher. Und lächle: nicht zuletzt der Literatur wegen weiss mein Kollege, welches Urteil ich letztlich fälle. Und er wird meine Begründung erahnen, auch wenn ich sie hier nicht hinschreibe. Literatur kann eine soziale Funktion erfüllen.

Was denkt sich meine Wenigkeit der Leser zu Stefan Köglbergers Beitrag? Ich muss mich eingewöhnen und erkennen, dass Lesen Arbeit erfordert. Dass sehr wohl meine kommunikativen Fähigkeiten gefragt sind, selbst dann, wenn Köglberger hier als Dichter antreten würde und die Kommunikation mit mir gar nicht suchte. Ich lese andernorts: dass Gedanken, Vorstellungen, Meinungen und anderes ein Individuum ‚verlassen‘ und in ein anderes ‚hinein gelangen‘. (Anführungsstriche im Original. Ich stelle mir dazu vor, wie der Autor die Anführungsstriche seinem Publikum mit grossen Bewegungen der Arme veranschaulicht, als ob ein freundlicher Volkspolizist den Verkehr dirigierte und Vortritt für kostbares Frachtgut erwedelte.)

Ich scheitere am Wort von der pragmatisierten Philosophie. Von pragmatischen Politikern weiss ich. Sie halten sich ihren Pragmatismus zugute. Sie verlieren an Haltung und Konsequenz, dafür tun sie das Menschenmögliche. Also wenig genug, um wiedergewählt zu werden. Eine pragmatisierte Philosophie wird weniger mit dem österreichischen Beamtendienstrecht zu tun haben als mit einer Philosophie für den Hausgebrauch, Handgelenk mal Pi, sagen wir in Bern. Aber ob ich spüren kann, was ich da sage? Nichts Wohlfeileres auf der Welt als Gedanken. Man braucht sie gar nicht zu denken, um sie auszusprechen. Ich könnte wortreich dergleichentun. Ich könnte es machen wie hunderttausende Verfasser unsäglicher Gedichte, denen die Worte allein schon als poetisch gelten. Ihre vervielfachte Empfindsamkeit führt zur Auflösung aller Formenwerte, erkennt Kraus. Es wird noch das Nichts empfunden und so das Nichts geleistet. Dessen möchte ich mich nicht schuldig machen und lege deshalb den Köglberger, resp. das Wort seines talentierten Freundes, beiseite. Morgen ist auch ein Tag, und da wollen wir nicht empfinden, sondern denken.

Anderntags, andernmorgens.
Pfeife, Kaffee.
Man ist noch einmal zu einem Menschen erwacht.

(Wie sehr Denken und Empfinden, anders als in der Poesie, selten zusammenfinden, hatte mir eindrücklich ein Psychiater demonstriert. Anamnese, Diagnose. Schmerzen, Schwindel und Depressionen. Erschöpfungszustände und Nervenschwäche. Schlaflosigkeit im Wechsel mit Schlafsucht. Muskelbrennen und Panik und Borderline. Kein Beruf mehr und kein Geld. Und ich bringe den Doktor aus der Fassung, weil ich das Leben nicht als ein Geschenk empfinde.)

10 Thesen und Variationen über die Analyse zum Satz ‚Alle Literatur ist nur pragmatisierte Philosophie‘ von Stefan Köglbergers Freund

I

Contraddizione risoluta

Eine Weisheit liegt fernab jeder objektiven Weltbeschreibung

II

Principio fondamentale

Eine objektive Stimmung kann es überhaupt nicht geben

III

Allegretto amoroso

Literatur soll die Wahrheit überflügeln

IV

Alla moda di Karl Kraus
Semplicissimo

Der wahre Literat schafft das Höchste, was mit der Sprache zu schaffen ist. Höher steht, was aus der Sprache geschaffen wird.

V

Capriccio con fuoco e smascherando

Beschwörung und Bann, das ist das Wesen literarischer Kunst. Verzückung und Fluch, kein Gebet inbrünstiger erdacht. Es geht niemals um Geschichten. Und auch nicht um Filosofie. Der pragmatisierte Literat nach meiner Fassong aber schreibt aus zweiter Hand.

VI

Al cenno del maestro

Ein Filosof sei trocken und objektiv. Ein Romancier saftig subjektiv. Ich rate beiden, uns Saures zu geben. Und nicht mit Süssem den Rest.

VII

Intermezzo dialettico
In memoriam Jürg Federspiel

Klöhni, Stöhni und Böhni – die Endsumme der Schweizer Literatur.

(‚chlöhne‘ heisst hierzulande herumnörgeln, auch wenn Google vorwiegend etwas anderes behauptet)

VIII

Antinomia con sorriso

Das Diktum vom fantasieschenkenden Literaten in allen Ehren. Aber gibt es nicht trostlos fantasielose Literaten? Und erfordert nicht gerade die ernstzunehmende Filosophie viel Fantasie?

IX

Affermazione con brio

> Auf der einen Seite gehöre ich zu den Sprachbesessenen, das ist die Linie Joyce. Die Überzeugung, dass nicht die Fabel, der Stoff, der Aufhänger den Wert eines literarischen Werks ausmachen, sondern die Dichte, in welcher der Stoff sprachlich umgesetzt worden ist. Ich bin ein Sprachkünstler. Und doch: So sehr alles in Sprache aufgehen muss, so sehr muss alles beglaubigt sein von der Lebensfront her, denke ich. Mit dem Leben bezahlt. Da steht bei mir, wenn auch nur im Kleinen, der Abenteurer, der sich aussetzt und einiges in Kauf zu nehmen bereit ist, um Erfahrungen zu machen. >
(Paul Nizon, 27.11.2009)

X

Finale
Molto patetico e utopico

„Ich schöpfe Werte“, sagt der Banker.
„Ich vernichte Frasen“, antwortet der Literat.


Zur Literatur VI (Stefan Köglberger)

Ein (uneingeladener) Beitrag zu „Schriften zur Literatur“.

Zu allererst bedarf es, meint man gemeinhin, freilich einer Rechtfertigung, wenn man sich unangemeldet, ja vielleicht sogar unerwünscht in einen Diskurs wirft. Doch Rechtfertigungen gibt es für alles, und wer eine zu finden wünscht, der wird auch fündig, gleichviel wie unseriös seine Begründung auch sein mag. Daher versuche ich erst gar nicht, meine Gründe für diesen uneingeladenen Beitrag zu formulieren; lediglich: Ein geistreicher und in vielem talentierter Freund drückte sich vor nicht allzu langer Zeit einmal in einem vertraulichen, wenn auch kurzem Gespräch folgendermaßen aus: „Alle Literatur ist nur pragmatisierte Philosophie.“ Intuitiv wurde ich stutzig, drehte die Worte im Geiste herum, verstellte sie, rangierte sie immer wieder neu, versuchte, ihren Sinn in seiner ganzen Tiefe zu analysieren. Und siehe da, unversehens, wie es meist zu geschehen pflegt, bei einer einsamen Zigarette und einem einsamen Kaffee, einige Wochen später, nachdem ich den Gedanken schon verloren glaubte, brach er wie eine Urgewalt wieder in mich ein und löste sich wie von selbst vor meinem geistigen Auge. Mir schien, als seien Schwerter zum Zerschlagen von Knoten wahrlich nicht von Nöten, sondern nur Geduld und etwas … Esprit.

„Alle Literatur ist nur pragmatisierte Philosophie.“ Was ließ mich nicht uneingeschränkt zustimmen? Was bewog mich, meinem Freund, der auf ein affirmatives Nicken wartete, dieses nicht zu gewähren, sondern vorsichtig – und wahrscheinlich ungeschickt wie immer – das Thema zu wechseln? Wo lag mein Problem? Diese Frage in kurzer Form zu klären, bin ich nun hier angetreten, unwissend, ob meine Worte auch sagen können, was ich spüre.

Ich möchte analytisch vorgehen, um der Sache auf den Grund zu kommen, paradoxer Weise induktiv, um sozusagen vom Ursprung her die These zu widerlegen.

Es verhält sich, meine ich, mit ‚der Philosophie’ – es ist hier nötig, alle Philosophie in einen Topf zu werfen, denn die These tut nichts anderes – wie folgt: Sie tendiert zur Objektivität, freilich mit Einschränkungen. Ihr Wesen aber, müsste man es als ganzes beschreiben, wäre in erster Linie ‚Wahrheit’, meinetwegen ‚Weisheit’, wie es im Wort schon angelegt ist, das ja nichts anderes als ‚Liebe zur Weisheit’ bedeutet. Eine solche liegt aber fernab jeder subjektiven Weltbeschreibung oder Anschauung, ja sie ist auf einer völlig anderen Ebene, auf einer, die die Menschheit sozusagen als ‚ein Einzelnes’ betrachtet, verortet. Auch jede existentialistische oder solipsistische Philosophie formuliert sich in allgemeinen Kriterien, in objektiver Stimmung gegenüber den Eindrücken, Vorstellungen und Ausdrücken der ‚Einzelnen’, für oder gegen die sie im Grunde das Wort ergreift, kurzum: In Prinzipen. Der Philosoph an sich ist nicht sich selbst, noch weniger den anderen, nicht seinen Eindrücken, nicht einmal seiner persönlichen Meinung verpflichtet; es gibt nur eines, das seine Tätigkeit und sein Streben rechtfertigen kann: Die Wahrheit, sei sie für ein einzelnes ‚Individuum’, eine ‚Lebenseinstellung’, eine ‚Ideenlehre’, für ‚Böses und Gutes’, für ‚(Über)Lebensstrategien’ oder ‚Weltabsurdität’. In letzter Konsequenz wird es immer Wahrheit sein, der sich der Philosoph verpflichtet fühlt.

Wem oder was gegenüber ist aber der Literat verpflichtet? Gleichsam der Wahrheit? Sich selbst? Den anderen? Oder gar der Philosophie, wie der Satz: „Alle Literatur ist nur pragmatisierte Philosophie“ vermuten lassen könnte?

Weder noch! Der Literat ist in erster Linie seinem Eindruck oder Ausdruck, seinem emotionalen Empfinden oder seiner persönlichen – höchst subjektiven – Weltsicht verpflichtet. Der Ort seiner Aufgabe ist sozusagen beinahe diametral gegenüber jener des Philosophen gelegen. Er verhandelt nicht das Prinzip, er zeigt ‚das Einzelne’, denn mehr vermag er nicht zu tun, ebenso jeder andere Kunstschaffende. Denn der Künstler gießt die Form und füllt den Inhalt gleichzeitig ein, gleichsam totalitär, während der Philosoph sich nur um die Form bekümmert, weil der Inhalt Verrat an seiner Form, eine verbotene Frucht ist. Der Literat vermag nicht, ja er darf es nicht einmal wollen, eine Philosophie, so wie sie ihrem (wahrheitsgemäßen) Ursprung gemäß ist, in sein Werk zu integrieren, denn selbst wenn es jemanden geben sollte, der eine solche Objektivität in einen Roman zu platzieren wüsste, so gäbe es doch niemanden, der einen so trockenen Roman zu lesen wünschte – falls die Bezeichnung Roman dann überhaupt noch zutreffend wäre. Das literarische Kunstwerk wäre in jedem Fall gescheitert.

So stellte bereits Freud richtig fest, der Literat ist im Grunde eigentlich ein Spieler, ähnlich dem Kind. Er baut sich seine Welt (nach Freud phantasiert er sie sozusagen herbei) – und in dieser kann philosophiert werden, denn sie gehorcht strengen Prinzipien, die zwar allesamt ernst zu nehmen sind, deren Verwalter aber eine gottgleiche Stellung innehat und der sich somit nicht um Logik, Ontologie, Kategorien wie Leben und Liebe und Tod zu kümmern braucht, weil sie seinen Gesetzen unterworfen sind. Daher ist es aber eine unorganische Welt, eine abnorme Philosophie. Sie hat nichts gemein mit dem Anspruch auf Wahrheit, den der ‚reale Philosoph’ vertreten muss. Literarische Philosophie bewegt sich in einer ‚kohärenten Welt’, in einer in der Textlogik gefangenen Welt, wie es beispielsweise in ausgezeichneter Form in „Die Pest“ von Albert Camus zu ersehen ist, einem Versuch, die Philosophie zu literarisieren, denn umsetzen lässt sie sich nicht bzw. darf sie sich nicht lassen.

Im Gleichnis könnte man sagen, der Philosoph ist der resignierte Literat. Seine Lehren sind ungleich realitätsnäher, und die Realität – wer will es bestreiten? – ist immer trauriger als der traurigste Roman. Der Philosoph ist der Erwachsene, der Literat das Kind. Keineswegs ist das pejorativ zu verstehen, denn das Kind schenkt uns Freude, schenkt uns Leid, schenkt uns alles, was uns lebendig macht, kurzum: die Phantasie. Die zermürbende Wahrheit der Philosophen ist indes vielleicht unwiderlegbar, doch sie ist es nicht, warum wir uns ab und an freuen zu leben. Die Wahrheit, so könnte man abschließen, ist doch nur ein Abgrund, und gesegnet sind jene, die nicht einmal versuchen bis zum Rand der Klippe zu gehen und hinab zu sehen, denn sie laufen nicht Gefahr, der Anziehungskraft zu erliegen und zu springen.

Es sagte einmal jemand: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Verwundert es, dass dieser Mensch Literat war? Verwundert es, dass dieser Mensch an der ihn immer weiter treibenden Philosophie viel zu früh zu Grunde ging? Verwundert es, dass er der vielleicht größte aller Zeiten war, wenn es darum geht, die Philosophie zu literarisieren? Ich denke nicht.


Zur Literatur V (David Kern)

Die Literatur führe aus dem „rauschenden Leben“ ins rauschende Leben. Sie absorbiert aber das Geschehene, kommt nicht aus der Leere, entwirft nicht aus leeren Zusammenhängen eine Pracht gleichsam des Zauberers, der aus dem Nichts die festlichsten Blumen erscheinen lässt. Die Literatur gestaltet aus den Zusammenhängen neue, fantastische, kuriose und triste, leimt zusammen was nicht notwendigerweise zusammengehört, mischt die Zustände und fügt sie aufs Neue aneinander. Wir glauben oftmals unseren Augen nicht. Der wahre Leser begibt sich in die größte Gefahr: er kann alles gewinnen, und alles verlieren.

In Maupassants Erzählung mit dem übersetzten Titel „Der Weihwasserspender“ verliert ein hartschuftendes Ehepaar ihren Sohn. Sie geben die Arbeit auf und machen sich nunmehr auf die Suche nach ihm. Sie treffen ihn Jahre später zufällig auf einer dichtbegangenen Straße wieder. „Er sank nieder, legte das Gesicht auf die Knie des Alten und weinte, er küßte nacheinander den Vater, die Mutter, die vor unermeßlicher Freude kaum zu atmen vermochten.“

Das Schreiben aber kann nur chaotisches Gemisch sein aus Gelebtem und Gedachtem. Einerseits der Mensch der sein Haus verlässt und in die Fremde tritt, andrerseits der Mensch der im Haus verharrt und in die Fremde der Literatur entkommt. Ich benutze nicht die Bezeichnung des Flüchtens; sie erscheint mir zu pejorativ, um einen regelrechten Sachverhalt wahrheitsgetreu zu übersetzen. Literatur ist nicht Flüchten sondern Entkommen.

Das Gedachte muss zwangsläufig zu Beginn Vorgedachtes sein. Erst im Erlernen von Erfahrung und intellektueller Selbständigkeit lädt das Vorgedachte heiter ein, sich aus ihm zu bedienen und die eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Schritt der Vorbildung und Rezeption kann nicht hintergangen werden. Es gilt weiterhin: sich der Literatur bedienen.

Das Wortgefecht liefert er sich mit dem unsichtbaren beharrlichen Gegenüber, das Tag für Tag und Stunde um Stunde sein Engagement fordert, ihn zuweilen zu Boden wirft und in die Ecke stellt, als wäre er der Geschundene und Gedemütigte aus einem Sündenfall heraus. Steht er nicht auf, das weiß er, findet er sich verloren.

Der Dichter spricht mit der Leere. Es gibt keinen Leser, keinen auf der anderen Seite des fließenden Flusses. Er stellt sich beim Schreiben niemanden vor, er steht im permanenten Zwiegespräch mit sich selbst.

Ich exerziere in einer gottlosen Welt.

Die Gesellschaft interessiert mich nicht. Nicht die blühende und verblühende Vegetation, nicht die allseitigen Ratschläge, nicht die Nahrung, die vorgekaut und ausgeschieden. Die blasierten Menschen und die blasierte Literatur nicht. Nicht die Rangordnungen und nicht das einfache Leben. Mich interessiert der Ekel, der mich schlagartig überfällt als wäre er ein Teil des Natürlichen.

Gott wird nach dem eigenen Geiste modelliert. Ich modelliere die Welt nach meinem eigenen Geiste.

„Nur der Idiot ist dazu ausgerüstet, aufzuatmen.“ (Cioran)


Zur Literatur IV (Daniel Costantino)

Literatur ist eine Kunst, die dem rauschenden Leben Einhalt gebietet. Es ist die Erzeugung des Lebens in der Leere, Atem des Geistes aus der Ruhe und der Abgeschiedenheit einer Wüstenei. Das gilt für den sich sammelnden Künstler wie für den wahren Leser. Ohne diese Ausgangslage erhebt sich keine Kunst. Durch sie aber ist alles gewonnen: Zeugung, Wachstum, Streben und Sterben – das rauschende, vorüberrauschende Leben.

Zu Anfang schrieb ich wohl, den Sinnesrausch zu vervollkommnen, die Verklärung zu zelebrieren. Nur die grosse Liebe hatte mich interessiert, nichts daneben. Alles, was nicht von ihr berührt wurde, erschien mir fremd, fad, tot. Diese Ekstase in den Himmel zu heben und davon wie von einer Offenbarung zu künden – darin war ich jedem Mystiker und religiösen Eiferer verwandt, war ich Eiferer und Mystiker. Das hiess schon bald, den Verlust des Paradieses, dieses Erdenleben zu beklagen. Wäre ich glücklich gewesen, ich hätte nie ein Künstler werden wollen, schon gar nicht ein Denker. Im Grunde will ich es auch heute nicht sein. Es ist nur die unerträgliche Fremdheit, die mich dazu zwingt, weil ich das Hinsterben schlecht ertrage. Alles befremdet mich, so ist es immer gewesen. Schreiben der pure Ausfluss meines Lebenstriebes, ohne Vorbild und Rezeption. Ich will mich zum Leben erwecken und keine fremden Dinge.

In der pubertären Zeit war Eichendorffs Taugenichts mein romantisches Alter Ego.

Ein junger Freund weist darauf hin, dass man sich beim Lesen von Büchern durchwegs selbstbestätige. Man nicke allem eifrig zu, was die eigne Weltsicht bestätige und reagiere mit rascher Ablehnung auf alles Neue und Unbekannte. ‚Ist es aber nicht so…‘, beginnt er seine rhetorische Frage. An wen richtet er sie, wem liefert er sein engagiertes Wortgefecht? Mit wem kreuzt er da die Klinge?

Der belanglose Schriftsteller schaut, wie er zu seinen Brötchen kommen kann. Er muss sein Publikum kennen, ein brisantes Thema finden, den Zeitgeist treffen. Der interessante Schriftsteller leistet seinen Beitrag der Kultur, an der er zweifelt und verzweifelt. Der Dichter aber spricht zum Unaussprechlichen, redet mit der Leere, beseelt die sinnlosen Dinge. Sein Schreiben ist Beschwörung und Fluch, also Gebet.

Lesen und Schreiben – für mich kein naher Zusammenhang, ausser: das Eigene durchlesen, wiederlesen. Und je älter ich werde und rheumatischer, desto mehr gilt mir Morgensterns Satz (anstelle von ‚will ich‘ setze ich ‚kann ich‘):

Wenn ich sitze, kann ich nicht
Sitzen, wie mein Sitzfleisch möchte
Sondern wie mein Sitzgeist sich
Sässe er, den Stuhl sich flöchte.

Diese Gesellschaft ist geistig tot. Die periphersten Bräuche sind es ebenso wie die Moral, wie Erotik und Vitalität, natürlich die Religion – Verflachung, Verkitschung, Trivialität, wohin man schaut. Weshalb sollte es mit ihrer Literatur besser stehn? Auch sie hat ausser dem Kampf dagegen keine Erwiderung verdient.

Gegen Kreuzzügler ist jeder Kampf aussichtslos. Sie scharen immer die johlende, stampfende, trampelnde Meute um sich.

Die Leute wissen nicht, wenn sie Poesie sagen, was das sein könnte. Sie halten die Worte selber für Poesie, bestimmte Worte für poetisch, und die Spezialisten unter ihnen sind darin sehr geschmäcklerisch. Und dann plappern sie und schreiben sie schöne, erhabene, schreckliche und wichtige Worte aufs Papier, mit dem einzigen, unversiegbaren Federnfluss ihrer Eitelkeit und ihres Barbarentums.

Geschrieben, erfunden muss am frühen Morgen sein. Kein Kontakt mit Menschen!

Cioran im Zusammenhang mit Poesie: ‚Sendungen‘ ersticken den Gesang.


Zur Literatur III (David Kern)

Journalauszüge I:

Das Schreiben beflügelt.

Die Angst, einmal nicht mehr lesen zu wollen.

Mitternächtlich bettlägig: und weiter geht’s mit Tolstoi!

Nach der Lektüre der Anna Karenina den bedächtigeren Blick auf die Nöte der Menschen.

Anna Karenina lässt aus Hass auf ihren Mann ihren Sohn im Stich.

Eine Geschichte: Ein Mensch der zu schreiben beginnt um Geld zu verdienen.

Schopenhauer: „Es ist sechs Uhr abends, die Tagesarbeit ist beendet. Ich kann jetzt einen Spaziergang machen; oder ich kann in den Klub gehen; ich kann auch auf den Turm steigen, die Sonne untergehen sehen; ich kann auch ins Theater gehen; ich kann auch diesen oder jenen Freund besuchen; ja, ich kann auch zum Tor hinauslaufen, in die weite Welt, und nie wiederkommen.“ – Oder ich kann ein Buch lesen.

Ist es aber nicht so, dass man sich durchwegs selbst bestätigt beim Lesen von Büchern, in der Bekanntmachung von Weltdeutungen, dass man allem, was die eigene, bereits festgeformte Weltinterpretation bestätigt, eifrig zunickt und allem Neuen, allen unbekannten Sichtweisen mit rascher Ablehnung entgegentritt?

Beim Lesen kommt mir das Schreiben in die Quere und beim Schreiben kommt mir das Lesen in die Quere.

Die schönsten Frauen finden sich in der Russischen Literatur.

Mein damaliger Hass auf den Taugenichts.

Wenn aber Novalis dem „Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen“ verleihen möchte, so bleibt es dennoch das Gewöhnliche.

Die allgemeine Historie aus der Literaturgeschichte erschließen.

In Zürich die meiste Zeit in Buchantiquariaten verbracht: stilles Überfliegen, zögerndes Herausnehmen.

Das, was ich gerade lese, ist selten das, was ich gerade lesen möchte.

Das überlegen-schöne Gesicht des überlegenen Arno Schmidt.

Schon um der Tatsache willen, dass es mir ermöglich wird, A Hard Rain’s A-Gonna Fall hören zu können, muss ich dankbar der Welt meine Denkungsart vermachen.

Der Krüppel Lichtenberg als vehementer Gegner der physiognomischen Lehre.

Der wohlige Konservatismus Hamsuns, in den man sich einbettet und mit dem man sich zudeckt.
(Beim Lesen der Nachbarstadt.)

Gegensätzlich zur Philosophie expliziert die Literatur nicht.

Alles verschriftlichen um überhaupt erst zu erleben.

„Wer liest, der schreibt.“
(Handke)

Bibliophiles Glück.

Komme durch Umwege immer wieder zumselben Ergebnis; dass Lesen das Wesentliche ist.

Literatur: Auch reflexive, spekulative Hinwendung auf das, was nicht geschieht.

Das „nächtliche Lesen“.

„Es war ein alltägliches Pariser Haus“ (Poe) – so etwas gibt es nicht.

„…da Kinder wohl zu weinen, aber nicht zu seufzen verstehen.“ (Keller, Sinngedicht)

Alles niederlesen.

Wieder einmal ein zufriedener und gar glücklicher Moment beim Lesen.
(Die Abwesenheit, Wintergarten)

Gründe zu leben: Anschauung von Musik und Literatur.

Und immer wider das gedankliche Abschweifen beim Trotzdemweiterlesen: nehme ein Wort auf, folge ihm nicht.

Wie Schnitzler Figuren, aber gelassener, nicht von Liebesleid gerüttelt, spaziere ich durch den Volksgarten. (Wien, 16:15)

Vielleicht solltest du Literatur über Literatur lesen bevor du Literatur liest.

Das Unausgesprochene bei Hofmannsthal.

Die alleinige Tatsache, dass ein Hund in einem tollwütigen Anfall Raimund tötete, führt zur erlaubten Tötung aller Hunde.

Das Erlernen von falschen Bedeutungen in der Kindheit; etwa „Romantik“, „Held“.

Die Menschen schreiben Bücher über Bücher, und ich habe im Gespräch oft nichts mehr zu sagen.

Leben, Dichten & Denken.

Hesse zur Literatur: „Alles widerspricht einander, alles läuft aneinander vorbei. Nirgends ist Gewissheit. Alles lässt sich so deuten und lässt sich auch wieder umgekehrt deuten.“

„Gott“ als literarische Metapher akzeptiere ich, als poetisch absorbierendes Bild, das in Wahrheit für gänzlich anderes steht.

Sich der Literatur bedienen.


Zur Literatur II (Daniel Costantino)

Es gibt leider kein nächstes Leben, für mich und keinen.

Ich schreibe den Satz und weiss, dass ich ihn bezweifle, und glaube an meine Zweifel mehr als ein religiöser Mensch an seinen Heiland.

Aber wie weiss ich, wie ein religiöser Mensch glaubt? Kaum also den Folgegedanken geschrieben, schon wieder stehengeblieben. Doch, ich kenne dieses Glauben, einverleibtes Hörensagen, Autorität wie eine Lanze im Leib. Ein sehr befremdendes Gefühl. Diesen Satz hätten wir also einigermassen im Griff. Sind selbst mal so leichtgläubig gewesen, aus Angst vor diesseitiger und jenseitiger Strafe. Wenn auch der Glaube, andern ergehe es ebenso, auch sie hätten befremdet zu sein, nicht einmal auf wackligen Füssen steht. Ich fürchte, überhaupt stehe und bestehe jede menschliche Kommunikation auf wackligen Füssen. Es wäre folglich im ganzen Spiel menschlicher Beziehungen nur eine Illusion zu retten oder sukzessive preiszugeben. Insofern begleitet Literatur einen Sterbeprozess.

Und schon krittle ich an mir herum, ob es angehe, nicht nur den Glauben, sondern gleich auch noch die menschliche Kommunikation auf wacklige Füsse zu stellen. Wollte ich Literatur produzieren mit diesem Text, hörte der Spass spätestens bei der Kommunikation auf. Eine Kommunikation kann vielleicht fundiert sein und damit statt auf einem Fundament auf Füssen stehen, aber gewiss nicht jede, sondern nur eine besondere. Kommunizieren ist wie eitel Sonnenschein und Regenguss. Jeder plappert, schaut und frisst drauflos. Es gibt keine allgemeine Anschaulichkeit, welche die Redensart rechtfertigte.

Überdies: die Aussage, es gäbe kein nächstes Leben, ist nicht zu verantworten und nur angemessen als Antwort auf die gegenteiligen impertinenten Behauptungen. Und das Wörtchen ‚leider‘ ziemlich falsch. Oder doch nicht?

Schriebe ich eine Geschichte, würde der Satz, es gebe kein nächstes Leben, allerdings anstandslos passieren. Was gehn mich meine Zweifel an! Ich erfinde eine Figur, die so denkt. Ich muss sie nicht einmal erfinden, man kann nichts erfinden. Man findet sich selbst oder garnichts.

Literatur bedeutet zum guten Teil, zuzuschreiben, hinzubiegen, wie man eine Sache haben will. Ein Thema wirft seine Schatten, und die wenigsten werden ausgeleuchtet. Niemand kann alles sagen. Und auch dieser Satz ist schlecht. Niemand kann alles sagen: geplappert. Geprotzt. Das Wenigste lässt sich sagen, wenn überhaupt, das Allerwenigste. Es lässt sich, Seriosität vorausgesetzt, eine Spur verfolgen mit den Jahren, eine Kriechspur. Sie führt nigendwohin. Sie kommt an kein Ziel. Sie irrt herum. Doch man hat sie sich hinterlegt, und vielleicht findet man eines späten Tages zum Ausgangspunkt zurück, dies wäre nicht das Schlechteste Ende aller Wirrnis.

Und das Thema, wirft es Schatten drauf? Die Schatten meiner Empfindungen.. die Kriechspur meines Gemüts.. Aha, der Herr macht sich an Nietzsche heran. Will sich ihn einverleiben, und deshalb muss er ihn etwas anders formulieren, damits in seine eigne Seele passt. Kriechspur, auf die Nietsches Schatten leuchten solln.

Das hiesse folgerichtig aber auch, Nietzsche nicht gleich mit dem ersten Satz, den man ihm klaut, schon wieder zu verleugnen: es gibt natürlich auch keine Seele. Oder es wäre genau abzustecken, was das Wort, etwa im Sinne von beseelt, noch taugt.

Man will was Neues haben beim Schreiben. Vielleicht gelingen mir statt der zwei Pünktchen zu Nietzsche ein paar anschauliche Bilder mit der Zeit. Vorerst seis nur angedacht.

Je mehr ich nun in medias res, aus der Kraft schöpfe meiner Fantasie, wenns hoch kommt, desto mehr zweifle ich an meiner Sprache, an den Metafern, am Satzbau, am Stil. An meiner Eigenständigkeit. Die eigentliche literarische Arbeit beginnt. Sie ist nicht nur kreativ, sondern existentiell. Wer sich mit Inspiration zufriedengibt, schreibe Kochrezepte.

Monsieur Charles Henri Bouvrot und Madame Treichler im angeregten Gespräch. Zwei alte Leute auf einem öffentlichen Platz. Das Genf der Fünfzigerjahre. Auf dem vergilbten Foto ein paar Passanten, eine baufällige Baracke, diese und jene Silhouette im Hintergrund, Strassenbiegung, Abfalltonne. Ich sehe meinen Grossvater zum ersten Male. Charles Henri! Der ganze Herr ein einziger Charme. Ich bin glücklich über meinen lächelnden, höflichen, souverän parlierenden Grossvater in Hut und Regenmantel. Auch Madame scheint sehr angetan. Eine entfernte Verwandte. Sie hat seinen Sohn grossgezogen, meinen Vater. Un amour de petite femme. Ich spräche französisch, wärs anders gewesen. Ich besässe Esprit, wer weiss. Charles Henri war in die Fremdenlegion abgehauen. Und dort auch wieder getürmt, unbekannt, nach wie langer Zeit, man kann keinen mehr fragen. Alle sind sie tot. Das Gouvernement Suisse hat ihn wegen fremder Kriegsdienste ins Loch gesteckt. Er hat nie wieder französischen Boden betreten.

Mein Leben ist anders verlaufen, mein lieber Grand-père, man hat mich ins Loch getan, weil ich niemandem Kriegsdienst leisten wollte. Aber du warst jung, jung und schon Vater geworden, alles ist dir über den Kopf gewachsen. Ich kann dich verstehen. Ich will dich verstehen. Auch ich würde gerne leben, weisst du. Wie blass erscheint das Leben! Ich hätte mit 16 abhauen sollen, du hast es ein paar Jahre später getan. Man spricht heute noch davon, und nicht im Guten. Lass uns eins pfeifen. Man versucht sich zu retten. Man schlägt sich durch. Siehst du, ich bewundere dein Lächeln. Die Würde eines alten Mannes. Weisst du, wie ich mir das Leben denke? Man verweigert die Zustimmung erst der Welt, dann sich selbst. Man beginnt voller Tatendrang und ist schnell zu begeistern. Aber man stösst sich den Kopf kaputt. Man zahlt den Preis der Einsicht, des Irrtums, den Preis für seinen Stolz. Aller Enthusiasmus ein Wahn. Man wird vierzig, man wird fünfzig, und das Geschehen prallt von der Seele ab wie die Brandung des Strassenverkehrs vom tauben Ohr. Gerüche des Marktes, des Jahreszeiten, selbst der Menschen – eines Tages riecht man nichts mehr davon. Wie verächtlich die Existenz, widerwärtig die eigene Fratze im Spiegel. Was heisst ein Wort, ein Handschlag, ein Plan! Was immer noch kommt, es wird nicht wichtig sein. Gegenstände, Nichtigkeiten, Schattenspiel. Doch fühlt man sich im Innersten gelenkt, ohne Zutun getrieben wie ein idiotisiertes Insekt, das sich am künstlichen Licht die Flügel verbrennt. Ziellos, sinnlos zu existieren. Nichts leuchtet ein, nichts hat Hand und Fuss. Nur der Drang, irgendwie in hysterischer Bewegung zu bleiben, in diffusem Schwindel wie ferngesteuert. Der Tod wird ein grosses Ereignis sein, vielleicht ist das der Fixpunkt, um den heimlich sich alles dreht. Nicht einmal davon will man mehr wissen. Kurz vor dem Exitus rollt im Zeitraffer der Film? Was für ein Fetzen Kitsch! Schwammig, trübe, ungefähr die Empfindung, der Eindruck vom Leben, Denken, die Richtung, die Farben, die Kenntnis. Man pendelt um die eigene Achse. Man fühlt sich verdreckt wie ein kümmerlich versiegter Quell. Oder man liest sein Leben wie ein Buch, das von Seite zu Seite immer mehr vergilbt und dessen Buchstaben da, wo man angekommen, kaum noch leserlich erscheinen. Keineswegs gilt solches von frühen Seiten der Erinnerung, die klar und wahr zutagetreten. Man vertieft sich in diese Stellen, atmet auf, hütet sie besessen, eifersüchtig. Wie der Frühling gerochen, als man klein gewesen, das Holz geschmeckt, vom Nieselregen durchtränkt. Man schnitt sich am Gras, zwischen die Beine strich erregter Wind, und dichte Bäume bargen ein Geheimnis und die Wolken trugen aus der Ferne die Geschichten der verheissungsvollen Welt dem staunenden Knaben zu. Sein Leben gäbe man hin um diese Lust! Junger Sinn, der nach Erlebnis dürstet, wie selbstlos verschwenderisch, wie offen für die Menschen und die Dinge, die einen selbst nur noch langweilen, weil man mit sich selber, wie ein müder alter Löwe im Zoo, nichts mehr anzufangen weiss. Versiegter Lebensmut! Das Buch fällt auf die Knie, man verschliesst die Augen, sucht nach einer Verknüpfung, einem Ausgangspunkt, einer Möglichkeit, wieder anzubandeln mit dem, der man gewesen. Hilflose Gebärde. Ein Tasten im leeren Schwindel. Ein störender Fremdling ist man sich geworden, die Störung selbst. Man wirft das Buch in die Ecke.

So sehe ich das, Grand-père, oh oui. Ich habe einen Roman darüber geschrieben. Es ist schade, dass du ihn nicht mehr lesen kannst. Du hättest ihn bestimmt gelesen. Wenn ich dich so lächeln sehe, stehen sehe, gelassen parlieren sehe, dann schöpfe ich Mut. Dann wird vielleicht die Zeit für mich noch kommen, einen langen, versöhnlichen Abschied zu nehmen.

Ich habe noch nicht gesagt, dass Literatur, als Kunst, aus der Sprache wächst. Ich habe entdeckt, wie man eine gute italienische Tomatensauce kocht. Neuerdings habe ich einen Sinn fürs Kochen. Beim ersten Male folge ich den Vorgaben. Das ist die Syntax und die Grammatik. Sie schmeckt ausgezeichnet. Der zweite Versuch gelingt mir weniger gut, wenn auch die Sauce trotzdem schmeckt. Aber ich habe mich mit zuviel Basilikum vertan. Ich habe gepfuscht. Ich bin leider nicht Italiener und habe meiner Nonna über die Schultern gucken können. Ich fange an, zu experimentieren. Ich erfinde meine eigne Sauce. Beim fünften Mal bin ich selig. Ich koche sie noch zweimal genau gleich. Dann will ich sie wieder ändern, verfeinern, verwildern. So ist das. Wie mit der Sprache. Ich möchte alle Regionen Italiens bereisen, speziell den Süden, und in den Familien als Gast zu Tische sitzen. Die Gewürze riechen. Das Meer schmecken. Die Dialekte lernen. Dann würde aus mir ein Koch! Kopierte aber einer meine real alemannische, fünfte Kreation der Tomatensauce, und ich sage stolz: sie schmeckt! und ginge damit als erfolgreicher Gastgeber in die Annalen der Stadt ein, er wäre ein Plagiator, nichts weiter. So ist das mit der Literatur, stelle ich mir vor. Irgendwo muss man beginnen. Es gibt Interessen, meistens sagt man: Talent, und Vorbilder, Traditionen. Das fixfertige Rezept aber ist der Tod aller Kunst.

Die Frage nach dem Inhalt, dem Stoff, beschäftigt mich nicht besonders. Sie liegt in den Lebensumständen. Ich fühle mich beim Schreiben oft als der einzige Mensch. Und manchmal scheint es mir, als sei auch ich schon gestorben.

Und käme in Italien wieder zur Welt.


Zur Literatur I (David Kern)

Adorno schreibt in der Ästhetischen Theorie, Kunst existiere „nur innerhalb einer bereits entwickelten Kunstsprache, nicht auf der tabula rasa des Subjekts und seiner angeblichen Erlebnisse.“ In der jüngstvergangenen Zeit musste ich oft an diesen Satz denken, wenn ich aus dem Fenster sah beispielsweise und die auf dem nassen Gras umherspringenden Raben beobachtete wie sie sich gegenseitig den Weg durchquerten und anschrien, als gäbe es eindeutigen Grund dafür. Gänzlich unvoreingenommen kam mir der Satz in die Quere, wie ein zuvor noch spaßig-lachender und, als würde er sich auf einen Schlag seiner Lage gewiss werden, plötzlich ernstschauender Clown einem Kind ansichtig wird. Meine erste Reaktion des Satzes gegenüber war jene des reinen semantischen Verständnisses, als ein isolierter Gedanke, der keinen Epilog keinen Prolog kennt, keinen Zusammenhang und keinen Anschluss, ich lernte ihn gar auswendig, was sich freilich von selbst einstellte, und deklinierte ihn vor mich her an diesen Morgen, an denen das Gras weicher und saftiger erschien als am verblühten Rest des Tages.

Die eindringliche Schilderung in Anna Karenina, in der Lewin von der jungen Frau abgewiesen wird, bezwingt das Gemüt beinah. Ich frage mich, ob Tolstoi eine ähnliche Situation erlebte, ob er eine Frau liebte – im Sinne Platons die Liebe zur Schönheit des Seele -, die ihm zugunsten eines charismatischen Aristokraten unentgegnet blieb, dem bald selbst nichts übrigblieb, als diese Zuneigung zu verschmähen. Welche Sprache würde dieser Szene gerecht werden? Tolstoi schreibt: „Sie saß mit niedergeschlagenen Augen und atmete schwer. Alles in ihr jubelte. Ihr Herz war übervoll von Glück. Sie hätte nie geglaubt, daß das Geständnis seiner Liebe auf sie eine so große Wirkung ausüben würde. Doch das währte nur einen Augenblick. Dann dachte sie an Wronski. Sie richtete ihre klaren, treuherzigen Augen auf Lewin, sah die Verzweiflung, die sich in seinem Gesicht spiegelte, und sagte hastig: ‚Es ist unmöglich … Verzeihen Sie mir…‘“. Spricht hier eine „entwickelte Kunstsprache“ oder bloß eine konventionelle Wortwahl, um eine Beschreibung von Wirklichkeit zu entwerfen?

Wenn eine „Kunstsprache“ „bereits entwickelt“ sei, bedeutet dies, dass sie ab einer bestimmten Zeitenwende – ich errate die Fünfziger Jahre, als Adorno seine Theorie schrieb – keine Akzentuierung mehr erfahre. Jede Sprache, die sich der stehengebliebenen Aktualität widersetze, verliere ihre Gültigkeit. Streife ich aber, wie es an guten Tagen manchesmal die Neigung fordert, den Bücherkasten entlang (hätte ich einen, einen dunkelbraunen, würde ich ihn so nennen) und lese die Buchrücken, wie es manchmal meine Art ist, fällt es mir schwer, dies zu glauben. Kein Handke, kein Fosse, kein Arno Schmidt. Ich müsste die Müllmänner verlegen bitten, diesmal eine gesonderte Tonne mitzunehmen. Die verwendete Sprache jener Dichter sei Adorno zufolge keine der produktiv-geistigen Absicht entsprechenden, da die für das Kunstwerk geeignete „bereits entwickelt“ und jede danachkommende eine epigonale sei; hier spielen qualitative Kriterien keine Rolle, ausschließlich das historische Überschreiten eines Gipfels.

Ich nehme an, Adorno ließ Tolstoi die Autorität eines bedeutenden Dichters zukommen. Wie aber, denke ich mir am Fenster, unterscheidet sich Tolstois Sprache bei der Schilderung der Liebesbeichte Lewins an Kitty von, sagen wir, Handkes Beschreibung einer ins Haus laufenden Katze: „Das Haus war nicht still. Immer wieder gab es Schrittgeräusche auf der Wendeltreppe, welche nicht nur zu der Bibliothek, sondern auch zu den verschiedenen Wohnräumen führte; darunter Tapser, so leicht und rasch wie von Tierpfoten. Es kratzte dann draußen vor der Tür, und eine Katze wurde eingelassen, die im weiteren Spielverlauf unter dem Tisch lagerte. Sie hatte einen dunklen Kopf mit gelben Augen; sowie sie diese schließ, bestand der Schädel nur noch aus Schwarz.“ Die Sprache unterscheidet sich nicht in der Auslese der Worte von derjenigen Tolstois. Sowohl Handke als auch Tolstoi benutzen zur Verfügung stehende Worte, um einen Sachverhalt zu schildern. Aber, um Adornos Diktum beizukommen, Handkes Sprache stehe außerhalb einer zeitlichen Grenze, könne demzufolge nicht als „Kunst“ gelten. Einen auszeichnenden Unterschied – sei er rhetorisch, eloquent oder inhaltlich – kann ich nicht erkennen.

Tolstoi erzählt die Geschichte der Menschen, denke ich am Fenster. Mittlerweile ist es Nachmittag geworden, immer noch ein nüchterner Magen und immer noch nichts fertiggebracht, nichts erledigt, in keinen sozialen Kontakt getreten. Eine Schlittschuhfahrt, Sensenarbeit am Land, all die Bälle und Teegelage und die Stelle, da Kitty sich, mehr oder minder herzhaft, dem Pietismus überlässt. Den Werther gab es ja schon. Es ist ein großartiger Roman, denke ich, ein Kuriositätenkabinett von Empfindungen und Betrübnisse, ein „Panorama von Seeleneinblicken“ schrieb ich in mein Notizbuch; wenn ich mich recht erinnere an diesem müßigen Nachmittag. Tolstoi gibt wieder. Es sind wohl nicht seine eigenen Erlebnisse, vielmehr Eindrücke, vielmehr Gesehenes, das ihm wiederfuhr oder seiner Phantasie. Die seine reflexive Gabe verklärte, verfinsterte, erhellte, interpretierte. Adorno hätte seine Freude mit Tolstoi. Auf den ersten Blick. Der zweite betrübt alsbald. Wenn Tolstoi schrieb, verarbeitete er – um ein großes Wort zu gebrauchen – seine Erfahrung, wenn Tolstoi schrieb, kannte er keinen Lewin, keine Anna, keine Kitty, wohl aber kannte er Menschen seiner Umgebung, wohl aber sah er die Welt, wie sie sich vor ihm auftat und, frei nach Kant, wie sie ihm erschien. Es gibt keine Fiktion. Alles Geschriebene dieser Welt durchläuft, bevor es das leere Papier erreicht, den Geist des Schreibenden, jede Erzählung, und sei sie in ihrem Wahrheitsgehalt noch so verwegen, birgt die Wirklichkeit des verfassenden Subjekts in sich. Anders ist es nicht möglich. Und so ist Tolstois Geschichte der schönen und verzweifelten Anna Karenina sein Erlebtes, das durch das Medium der Poesie dem Leser verbildlicht wird. Anna Karenina existiert durch die Erfahrung Tolstois.

Adorno schreibt von den „angeblichen Erlebnissen“. Ich vermute beim nochmaligen Deklinieren die Absicht des Aphorismus‘. Er meint, es genüge nicht, wenn sich ein Mensch vor ein Blatt Papier setze und aus seinen Gedanken vermeintliche Literatur schöpfe. Dazu bedürfe es mehr. Dazu bedürfe es die Aneignung einer bestimmten Tradition, die sich bewährte über die Kunstgeschichte hinweg und auf deren Pfeilern eine bestimmte Kultur ruhe. In dieser Darstellung liegt zwar nicht die Wahrheit, ist sie aber die Konsequenz einer elitären Kunstauffassung, deren Befolgung nicht nachteilhaft sein muss. Wenn man davon absieht, dass sich die beiden Begriffe „tabula rasa“ und „angebliche Erlebnisse“ früher oder später in Widerspruch verstricken, bleibt mir gleichwohl nichts übrig, den Satz als reaktionärer Ausfall zur Seite zu legen. Ich habe nichts von ihm. Wenn man davon absieht, dass das Adjektiv „angeblich“ weder zu verifizieren noch zu falsifizieren ist, da Erlebnisse nicht überprüfbar und deren Tatsachenhaftigkeit für die Literatur ganz und gar irrelevant ist, tue ich meine Gedanken ab und erfreue mich lieber Adornos aufklärerischen Schriften.
So gehe ich endgültig vom Fenster weg und weiß mir plötzlich eine erhellende Beschäftigung.

Während ich mich aber abwende vom Grün und von den Raben, die sich nicht mehr in die Quere kommen, erfassen mich mit einem Schlag die „angeblichen Erlebnisse“, die „tabula rasa“, „das Subjekt“ und „die Kunstsprache“ in neuem Licht. Jäh überkommt mich der Satz erneut, als Ganzes, als Aufschrei, und ich blicke verlegen umher, da ich ihn in seiner ganzen horriblen Tragweite plötzlich zu verstehen glaube.