Tankred Dorst, Eiszeit

David Kern, 20. Juni 2017

Nach seinem Tod las ich einige Theaterstücke Tankred Dorsts. Als ich dies einem Bekannten erzählte, meinte er lakonisch, man müsse erst sterben, um gelesen zu werden.

Dorsts Stück „Eiszeit“ handelt vom alten Knut Hamsun, der in einem Seniorenheim auf seinen Prozess wartet, der ihm vom norwegischen Volk seiner Nazi-Kollaborationen wegen gemacht wird. Er sieht sich laufend dazu gezwungen, Stellung zu nehmen, sieht sich Feindseligkeiten gegenüber und wahrt Würde und Störrigkeit zugleich. Und doch zeichnet Dorst ihn als einen, der allen überlegen ist – seinem Sohn und seiner Frau, den Psychologen, dem jungen Bombenattentäter, mit dem er Freundschaft schließt, und den übrigen senilen Senioren. … Fortsetzung …


Fiktion im „Standard“

David Kern, 17. Juni 2017

Kürzlich bestand das Titelblatt des Standard aus einer Werbeeinschaltung, die sich – wie es mitunter der Fall ist – dem Layout der Zeitung anpasste; es steht zu meinen, dass diese Gestaltung die Rentabilität der Werbeeinkünfte steigert.

Die Seite zierte die Ankündigung einer neuen Staffel der Serie House Of Cards, mittig platziert und in machtgestischer Position herausfordernd ins Antlitz des Betrachters starrend der Protagonist der Serie als Präsident der Vereinigten Staaten. Das einzig Aufschlussreiche an diesem Umstand ist die nun Tatsache, dass der Leser zweimal darauf blicken muss, um sich zu vergewissern, dass es sich bei diesem Mann um eine Serienfigur, nicht um einen realen politischen Amtsträger handelt, ungeachtet dessen, wie gut der Rezipient die Serie selbst kennt. … Fortsetzung …


Inhalt & Gestus

David Kern, 5. Juni 2017

Der Rat eines Faz-Redakteurs, man solle ein politisches Fernsehduell ohne Ton sehen, um herauszufinden, wer der Sieger sei, deckt sich mit der Beobachtung, die Leistung eines Schauspielers erst dann ermessen zu können, wenn man seine Darstellung im Film tonlos betrachtet. Denn erst die Vermeidung ablenkender Zusatzinhalte wie Text oder Musik legt die Möglichkeit des authentischen Gestus frei. … Fortsetzung …


Tankred Dorst, Toller

David Kern, 2. Juni 2017

Der Dramatiker Tankred Dorst ist gestorben, und mithin las ich nächtens sein Stück „Toller“ aus dem Jahre 1968. Gedankt sei’s meinem mittlerweile zu vierzig Bänden gebrachten Kompendium von „Spectaculum“-Ausgaben, in denen an modernen Theaterstücken zu finden ist, was es an modernen Theaterstücken gibt – vorausgesetzt, die Rechte liegen bei Suhrkamp.

„Toller“ ist ein rasantes Stück über das revolutionäre Aufbegehren und den mörderischen Zerfall der bayerischen Räterepublik 1919. Es treten auf – historisch verbrieft und zu hüpfenden, schreienden, proklamierenden Figuren gemacht – die Linken Ernst Toller, Erich Mühsam, Gustav Landauer und der Radikallinke Eugen Leviné. Sie rufen die Herrschaft der Arbeiter aus, bekämpfen antisemitisch die Antisemiten, plündern das Geld und die Wohnungen der Bourgeoisie und enden in Flucht oder Tod. Dass dies alles komisch, vergnüglich und erstaunlich temporeich ist, ist der meisterlich schwungvollen Feder des Autors zu verdanken. … Fortsetzung …


Lies was G’scheits

David Kern, 1. Juni 2017

Der Slogan und zugleich die Aufforderung einer Werbelinie der „Oberösterreichischen Nachrichten“, einer Zeitung, die Boulevard, verdeckte Werbung und Lebenshilfegartenkultur schonungslos zu einem Brimborium pflichtvergessenen Allerleijournalismus‘ brüht und dabei die niedersten Lesegewohnheiten zu bedienen weiß – der Slogan also, dialektal anbiedernd:

„Lies was G’scheits!“

kann nur zynisch gemeint sein.


Daniel Costantino – Aus der neuen Welt

Daniel Costantino, 19. Dezember 2016

Der Präsident

(copy paste)

nüstern blähen: heute abend

nüstern blähen heute abend: geballte faust

nüstern blähen heute abend geballte faust: sind wir ein land

nüstern blähen heute abend geballte faust sind wir ein land: blick gen himmel … Fortsetzung …


Tom Waits

David Kern, 7. Dezember 2016

In Anlehnung an die ‚Peanuts‘

sei der Liebsten zugerufen

Happy Tom Waits-Day!


Daniel Costantino – Aus der neuen Welt

Daniel Costantino, 5. Dezember 2016

Herr Gröttrup setzt sich hin

Mit einer Geschichte dieses Titels hat die Autorin Sharon Dodua Otoo den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Der Text, so befanden die Jurymitglieder bei der Diskussion, werfe basisphilosophische Fragen auf, er behandle ernste Themen, wozu auch sein Bezug zum Nationalsozialismus gehöre, in witziger und satirischer Weise. Er stecke voller Ironie. Es lasse sich nicht vergnügter und hinterhältiger von der Reinkarnation erzählen, als es Otoo tue. Denn Ironie sei ja immer dann gegeben, wenn das Publikum darauf reagiere, was es tatsächlich auch getan hat. Die Figur des Herrn Gröttrup (Helmut Gröttrup war ein Raketenbauer im Dritten Reich) entwickle sich zu einem regelrechten Paralleluniversen-Gröttrup. … Fortsetzung …


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