Populismuskritik

David Kern, 7. August 2017

Der einstmalige Wahlkampfleiter Jörg Haiders Stefan Petzner ist zu Gast in einer Radiodiskussionsrunde zum Thema Populismus. Petzner, der einstige Populist, bringt mit viel Verve und Eloquenz Kritik am Populismus an. Als er an einer Stelle dafür kritisiert wird, dass er selbst einst zu den unheilvollsten Populisten gezählt habe, verteidigt Petzner sich aufs Schärfste. Sein Kritiker und Mitdiskutant sei Universitätsprofessor, sitze in „seiner Studierstube“ und schreibe „gescheite“ Bücher, sei also lediglich Theoretiker und habe infolgedessen „keine Ahnung“ von der Praxis und wisse nicht, wovon er rede.

Damit entlarvt sich Petzner als Aspirant genau jenes Phänomens, das erzu kritisieren vorgibt: des Populismus. Denn eines der symptomatischen Eigenschaften des Populisten ist es, seine Kritiker als Intellektuelle zu diffamieren; als solche – so die Logik jenes populistischen Topos – seien sie den Bedürfnissen des ‚Volkes‘ entwachsen und hätten jedes Anrecht verwirkt, darüber zu urteilen. Und dies in einer sprachlichen Anklage, die den Angriff auf die Person bereits zum Indiz seiner Wahrhaftigkeit macht.


Die alltägliche Unzumutbarkeit II

David Kern, 6. August 2017

I. Die Nachbarin wolle mich etwas fragen. Ob ich auch Probleme mit den Tauben hätte. Sie würden überall ihren Dreck hinterlassen. Nachdem sie erst aufgeregt und empört ist, wird sie ordinär. Nach dem Gespräch könnte in einem der Verdacht aufsteigen, die Tauben würden willentlich und zum Fleiß ihren Dreck auf ihrem Balkon hinterlassen.

II. Im Wartesaal des Krankenhauses. Ein alter Mann mit Baseballmütze betritt den Raum und setzt sich neben mich. Er ist mir unsympathisch. Dann legt er die Baseballmütze ab und seinen Schädel und sein Gesicht frei. Plötzlich wird er mir sympathischer. Auf zwei Bildschirmen eine Dokumentation über geschützte Tiere in einem Wildpark in Afrika. Der Mann beginnt zu murmeln und wendet das Wort an mich. Würde man diese Tiere nicht schützen, sondern essen, würde niemand in Afrika hungers leiden. Ob die Dinge so einfach stünden. Er ist mir wieder unsympathisch geworden.


Die alltägliche Unzumutbarkeit I

David Kern, 30. Juli 2017

I. Der Vater hält mit der freien Hand das Mobiltelefon, auf dessen Bildschirm ein Zeichentrickfilm zu erkennen ist, vor den Blick des kleinen Jungen, während diesem beim Friseur die Haare geschnitten werden. Später setzt sich der Vater auf den Friseurstuhl zum gleichen Zwecke, während der kleine Junge auf das Mobiltelefon starrend abseits sitzt. Ein älteres Ehepaar, das schon länger im Raum ist, ist sich darin einig, wie brav und artig der Junge doch sei.

II. Auf meine Frage an die Nachbarin gerichtet, ob man schon wisse, wer in die kürzlich leer gewordene Wohnung neu einziehen werde, entgegnet sie mit sorgenvollem Gesicht, man wisse nicht, was herziehe, aber man hoffe, es geschehe nicht zu bald. Es wird wohl ein Mensch sein, denke ich während der Verabschiedung.

III. Mit einem Nachbarn einige abendliche Worte zwischen Tür und Angel. Es drehte sich um das Wetter, und ich kann schwören, dass dieses Gespräch schon einmal stattfand, Satz für Satz, in haarscharf exakter Wortabfolge. Dann gehen wir zufrieden unserer Wege.


Sternschnuppe

David Kern, 23. Juli 2017

Es heißt, das Wünschen könne nur jene Dauer währen, in der die Sternschnuppe über unserm Haupt in Erscheinung tritt. Dem Erwünschen liegt also nur innerhalb der begrenzten kurzen Dauer ihres Auftritts die Möglichkeit inne, wirklich zu werden. 

Es ist nun so, dass die überrumpelte Seele es nicht vermag, innerhalb dieses Bruchteils eines Moments zugleich der Sternschnuppe gewahr zu werden und einen Wunsch zu formen, dessen Wirklichwerdung das Herz ersehnt. Die Konsequenz daraus ist, dass die Sternschnuppe stets vorübergegangen sein wird, wenn der Wunsch gedacht ist. Der Wunsch kann damit niemals in Erfüllung gehen.

Das ist die Weise der Mythen. Sie schüren Hoffnungen, müssen aber nie dafür einstehen.


Notizen zum Tage (XVI)

David Kern, 22. Juli 2017

I. Ich lese vom Begriff „Momentanismus“ und weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

II. Das Theater, so schreibt Egon Friedell, sei „der Schauplatz der gelöschten Tücke des Objekts“, es bilde die „künstlich gereinigte Form des Erlebnisses“ ab. Mit anderen Worten: Im Theater werde stets das Gelungene des Erdachten und Erdichteten gezeigt, nicht der Jammer des Prosaischen und Realen. Welche Stücke Friedell wohl zeitlebens besuchte?

III. Somerset Maugham urteilt, Charles Dickens „beschrieb nicht die Welt, wie wir sie kennen, er schuft eine Welt“. Das ist eine seltsame Diagnose, weil sie der Literatur etwas unterstellt, was sie zu ihrem Unglück eben nicht leisten kann. Es sei denn, Literatur sei welthaltiger als Welt selbst. … Fortsetzung …


Die Ochlokratie der Suchmaschinen

David Kern, 18. Juli 2017

Einst hieß es, im Internet, etwa beim Gebrauch von Suchmaschinen, seien Versalien tot. Es ergab sich, dass man bei der Eingabe von Wörtern keine Großbuchstaben mehr brauchte, dass die Suchmaschine darin keinen Unterschied mehr kannte. Mir schien dies ein Verlust zu sein. Denn die mangelnde Notwendigkeit des großen Anfangsbuchstaben führte zu einer ubiquitären Kleinschreibung, sich ausweitend auf unterschiedliche Bereiche des Lebens – nicht einer künstlerischen Entscheidung, sondern einer schlichten Bequemlichkeit wegen.

Umso erfrischender ist es zu sehen, dass es bei einer Synonymseite seit einiger Zeit notwendig ist, etwa bei einem Substantiv dieses mit einem Anfangsmajuskel zu schreiben, will man ein richtiges Ergebnis erzielen. Beglückt stelle ich mir darin eine Art Rache am buchstabenplanierenden Gebrauch von Wörtern bei Suchmaschinen vor, die insofern ochlokratischen Prämissen gehorchen, als dass sie einen Kotau vor dieser Bequemlichkeit vollführen, und schreibe auch dort nun alles wieder groß.

 


Autobiographie bei Harald Schmidt

David Kern, 17. Juli 2017

Angesprochen auf die nunmehrige Gelegenheit, die eigenen Memoiren niederzuschreiben, antwortet der Frührentner Harald Schmidt in einem Profil-Interview mit dem bemerkenswerten Hinweis, man möge sich seine rund zweitausend Late Night-Shows ansehen, sie enthielten seine Autobiographie.

In der Tat lässt sich aus der Betrachtung seiner Shows in ihrer ganzen Fülle etwas ziehen, was man eine Gesinnungsautobiographie nennen könnte. Sie weicht – abgesehen von der Form –  insofern von geläufigen Lebensbeschreibungen ab, als sie nicht das Ereignis, sondern die Haltung zur Welt in den Mittelpunkt stellt. … Fortsetzung …


Die Lakonik des Genies

David Kern, 9. Juli 2017

Der vielen Beobachtern als bedeutendster Gegenwartsschauspieler geltende Daniel Day-Lewis gab kürzlich bekannt, er werde von nun an seinen Beruf, das Schauspiel, nicht mehr nachgehen. Es sei dies einer persönlichen Entscheidung geschuldet und er danke seinem Publikum.

Auffällig und erfrischend ist die Lakonik, mit der dies geschieht. Der Form nach eine kurze Notiz an die Öffentlichkeit, ein Dank an diese, und beendet ist ein über Jahrzehnte währendes schauspielerisches Faszinosum, an das sich erfolglos eine ganze Riege zwar bekannter, aber künstlerisch subalterner Schauspieler abarbeitet. Es passt dies zur Biographie Day-Lewis‘, der sich dem Vernehmen nach Ende der Neunziger Jahren schon einmal vom Film abwandte und in Italien das Schuhhandwerk erlernte. … Fortsetzung …


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